Meinung : Sekte oder Substanz

Warum Bundestrainer Jürgen Klinsmann nicht mehr weitermachen wird

Armin Lehmann

Jürgen Klinsmann hat seinen eigenen Abschied mit einer Digitalkamera festgehalten. Hunderttausende haben dem Bundestrainer zugejubelt und ihn angefleht zu bleiben. Klinsmann hat geknipst wie ein Tourist. Trotz aller Liebesbekundungen ist Klinsmann ein Fremder in seinem eigenen Land geblieben. Das ist ein Grund dafür, warum er nicht in seinem Amt verbleiben wird. Jürgen Klinsmann war immer ein Durchreisender auf allen seinen vielen Stationen als Fußballer. Warum sollte es diesmal anders sein?

Von den Menschen, den Fans, wird Klinsmann ehrlich umworben, aber im Verband, dieser Wagenburg des konservativen Fußball-Deutschlands, wird das Grundmisstrauen gegen den Kalifornier bleiben. Dieses Misstrauen – die Angst vor dem selbst eingeleiteten Experiment – führte sogar beinahe dazu, Klinsmann abzuberufen. Das war im März, nach dem 1:4 gegen Italien. Hätten die Deutschen das nächste Testspiel gegen die USA auch noch verloren, wäre Klinsmann weg gewesen.

Diese Episode ist nicht unerheblich, wenn man aus Klinsmanns Sicht die Lage nüchtern betrachtet. Mit dem Verband wird er nie wirklich warm werden, und spätestens, wenn es bei der EM-Qualifikation schlecht läuft, würden die gleichen Diskussionen von vorne beginnen. Gleiches gilt für sein Verhältnis zur Fußball-Bundesliga. Als er gemeinsam mit Teammanager Oliver Bierhoff während der WM forderte, die Bundesliga müsse aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, was moderne Trainingsmethoden angeht, waren die Reaktionen vernichtend. Beleidigt hieß es: Wir können schon alles!

Wischt man sich die rosarot gefärbte Brille sauber, erkennt man eine Anhäufung von Indizien, die gegen Klinsmanns Bleiben sprechen. Zunächst die Volksweisheit: Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen. Schöner, emotionaler, ausgelassener wird es nicht mehr werden können, weil man dazu die Menschen im eigenen Land braucht. Vielleicht wird Deutschland Europameister 2008 oder Weltmeister 2010 – so ein rauschendes, beschwingtes, Kraft gebendes Fest wie nach diesem dritten Platz wird es nicht mehr geben.

Viele sagen, der Reformer Klinsmann müsse bleiben, damit fortgesetzt werden könne, was er begonnen hat. Genauer betrachtet, ist es umgekehrt: Geht Klinsmann, wird erst wirklich sichtbar, dass es keine Alternative zum Reformweg gibt. Klinsmann selbst war der Mann für die Vision, für die kurzfristige Zielsetzung, im eigenen Land Weltmeister zu werden. Er hat dafür, polemisch formuliert, eine Sekte geschaffen, eine „Klinsmannschaft“, die, Klinsmanns Ziel verinnerlicht, stärker und stärker wurde. Die Leistung der Mannschaft bei dieser WM beruht in erster Linie auf Motivation, ja Suggestion. Die Deutschen haben über ihrem Limit gespielt, das kann man nur halten, wenn aus der Sekte dauerhaft Substanz wird. Aber dafür ist Klinsmann der falsche Mann, weil seine größte Stärke verloren ginge: andere glauben machen, sie seien besser, als sie sind.

Dauerhaft darf der Grund für das Selbstbewusstsein der Spieler kein Sektenführer sein – sondern sie selbst. Jürgen Klinsmann hat die Mannschaft stark gemacht, das war sein wichtigster Job. Kämen sie jetzt auch noch ohne ihn zurecht, im tristen Alltag der Qualifikation für die EM, gegen San Marino, die Slowakei, Zypern, hätte Jürgen Klinsmann seine Mission erfüllt.

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