Meinung : Selbstgerechtigkeit kommt nach dem Fall In der Visa-Affäre gibt es nichts, was neu ist

Robert Leicht

In der schwarzen Pädagogik meiner schwäbischen Heimat, in der noch gründlich mit dem Rohrstock hantiert wurde, gab es den bösen Satz: „Schade um jeden Schlag, der daneben geht.“ Da Joschka Fischer im Schwäbischen aufgewachsen ist, hat er diesen Satz wohl schon einmal gehört – jedenfalls bekommt er jetzt seine Anwendung zu spüren. Doch das Prügeln aus Prinzip trifft nicht nur den Zögling, sondern fällt auch auf den Pädagogen zurück – in diesem Falle auf die Opposition, vor allem aber auf die Medien.

Gewiss, der Zögling Fischer hat Zurechtweisung durchaus verdient. In der Visa-Affäre ist vieles zusammengekommen: „ideologische“ Voreingenommenheit, Schluderei sowie die habituelle Abwehr vermeintlicher bürokratischer Bedenkenträger aus dem „Apparat“, oder wie Oskar Lafontaine gesagt haben würde: Sesselfurzer. In all dem wirkt die pseudoprogressive Mentalität weiter, derzufolge große Geister nur für die großen Linien zuständig sind, wohingegen alle Fragen einer exakten und pünktlichen Verwaltung höchstens in den Bereich jener Sekundärtugenden gehören, mit denen man jedenfalls kein Außenministerium betreiben kann. Hochmut kommt aber vor dem Fall.

Nach dem Fall aber kommt die Selbstgerechtigkeit – vor allem der anderen. Die sachliche Kritik an Joschka Fischer ist unvermeidlich. Was mich aber an der nachgerade rituellen Hau-Drauf-Polemik stört, ist ihr überschießender Charakter. In Wirklichkeit aber gab es in der Affäre nichts, was dem aufmerksamen Zeitungsleser (vor allem unter den Journalisten – und Oppositionspolitikern!) neu gewesen sein kann. Seit Jahren waren die Vorgänge bekannt – und gemeinsam weithin ignoriert worden.

Spätestens seit dem Kölner Schlepperprozess im Herbst 2003, in dem just jene „Hauptbelastungszeugen“ auftraten, die nun anderthalb Jahre später im Untersuchungsausschuss dasselbe nochmals aussagen sollen, hätte man einfach Fischer vorhalten können, was man ihm nun doppelt vorwirft. Auch die Affäre um den TV-Moderator Michel Friedmann warf ein helles Schlaglicht auf die Verhältnisse – aber damals stand eben Friedmann im Fokus, nicht Fischer. Doch wer den Skandal damals Ernst genommen hätte, hätte ja weiterfragen können, wo denn all die hübschen Ukrainerinnen herkamen. Doch daran gab es kein vitales Interesse, weder sachlich noch politisch.

Jetzt freilich wird tapfer recherchiert – besser spät als nie. Ich werde nur den verdammten Eindruck nicht los, dass hinter all dem Ausforschen nicht allein das berechtigte sachliche, sondern auch ein überkompensatorisches politisches und mediales Interesse steht. Dass die Opposition Fischer am Zeuge flickt, das ist im Prinzip ihre Aufgabe; dass sie es erst jetzt tut – verspätet, dafür verschärft – , hat mit dem praktischen Nutzwert des Skandals zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu tun. Dass nun auch die liberalen Medien sich zu Fischer-Kritikern wandeln, ist nur insofern falsch, als sie es längst hätten sein sollen – und zwar nicht nur wegen der Visa-Affäre. Aber wer hätte Fischer zuvor je zur ähnlich heftigen Rede gestellt, weil er zuerst in seiner als strategisch gefeierten „Humboldt-Rede“ von einem Kern-Europa philosophiert hatte, um nur wenig später das blanke Gegenteil als ebenso tiefgründige Strategie zu verkünden? Jetzt freilich ist der Heiligenschein des grünen „Gottvaters“ beschädigt, und nun wagen sich auch viele derer heraus, die zuvor an dieser Aura poliert hatten – auch um diesen nun eher unzeitgemäß wirkenden Liebesdienst vergessen zu machen. Joschka Fischer kennt das politische Geschäft; er ist also nicht zu bedauern. Aber einige meiner Kollegen im Journalismus tun mir Leid.

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