Meinung : Selbsthilfe kommt vor dem Fall

Eltern handeln, wo die Schulpolitik versagt: Zu viele Ausländer erschweren das Lernen

Simone von Stosch

Man kennt das aus dem Tierreich. Wenn eine Gefahr droht oder Unbekanntes ins Blickfeld gerät, löst das Vermeidungsreflexe aus. Käfer stellen sich tot, manch Vogel steckt den Kopf in den Sand und signalisiert: Ich bin nicht da!

Einen ähnlichen Reflex muss es bei der ein oder anderen Berliner – und auch Hamburger – Schule gegeben haben, als vor drei Jahren Worte wie „Leistungstest“ „länderübergreifende Bildungsstudie“ und „Pisa“ die Runde machten. In beiden Bundesländern schwang da offenbar etwas Bedrohliches mit, viele Schulen boykottierten die Leistungstests – übrigens in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften. Die Folge: Die Erhebungen in Berlin und Hamburg konnten nicht gewertet werden, bei der neuen, noch unveröffentlichten Teilstudie zu Pisa wurde das Land Berlin deshalb nicht berücksichtigt. Und das, obwohl einige Ergebnisse für Berlin besonders brisant wären.

Zum Beispiel dieses: Schon ein Ausländeranteil von 20 Prozent senkt laut Pisa das Bildungsniveau der jeweiligen Klassen ganz erheblich. Im trockenen Bürokratendeutsch nennt sich das: „sprunghafte Reduktion der mittleren Leistungen“. Hinter diesem sperrigen Vokabular verbirgt sich eine Erkenntnis von hoher ideologischer Sprengkraft. Sie scheint all denen Argumente zu liefern, die schon immer vor zu vielen Ausländern und der Überfremdung gewarnt haben. Vielleicht haben deshalb Bildungspolitiker in Berlin und anderswo das Problem niedrig gehängt. Dass Ausländerkinder, die oft nur schlecht deutsch können und aus so genannten „bildungsfernen“ Schichten stammen, das Lernniveau senken, war ein Tabu, über das zwar hinter vorgehaltener Hand oft geklagt, offiziell aber wenig geredet wurde.

Diese Haltung war gut gemeint, bewirkte aber das Gegenteil, wie an vielen Berliner Schulen zu sehen ist: Das Leistungsniveau sinkt immer weiter, die Lehrer sind überfordert, die Schüler ebenso – und die Eltern greifen, wenn sie können, zur Selbsthilfe. Sie wählen mittlerweile genau aus, wo sie ihre Kinder einschulen lassen. Im gutbürgerlichen Bezirk Zehlendorf lag der Anteil von Ausländerkindern vor zwei Jahren bei acht Prozent, im Wedding hingegen war im Durchschnitt jeder zweite Schüler ein Ausländer, in Kreuzberg sind sogar Schulen mit 60 Prozent Ausländern und mehr keine Seltenheit. Diese Schulen sind regelrechte Gettos geworden für Kinder aus sozial benachteiligten Familien.

Angesichts der Entwicklung hilft es wenig, das Problem weiter schamhaft zu verschweigen. Genauso schlimm wäre es allerdings, ausländische Kinder zu Sündenböcken zu machen und auszugrenzen. Denn die Pisa-Studie zeigt auch: Nicht die Schüler versagen, sondern die Lehrer, die oft nicht in der Lage sind, einen differenzierten Unterricht anzubieten, der schwachen und leistungsstarken Schülern gleichermaßen gerecht wird. Dass so etwas möglich ist, beweisen die skandinavischen Länder, bei denen bis zur 9. Klasse Schüler aller Leistungsniveaus gemeinsam unterrichtet, aber unterschiedlich gefördert werden – mit erstaunlich guten Ergebnissen. In deutschen Schulen, das zeigte schon die erste Pisa-Studie, werden Kinder aus sozial schwachen Familien besonders schlecht gefördert. Das darf so nicht bleiben, schon deshalb nicht, weil es auch andere Kinder mit nach unten zieht. Der Bund hat nach Pisa reagiert: mit einem Sondertopf für Ganztagsschulen. Auch sie könnten helfen, sozial schwache Schüler und Ausländerkinder besser zu fördern. Die Länder sollten sich dem nicht aus ideologischen Bedenken entgegenstellen. Auch die gezielte Hilfe von Ausländerkindern – und deren Eltern – durch Deutschkurse und Förderunterricht muss endlich konsequent und auch verbindlich umgesetzt werden.

Die Kultusminister befassen sich in dieser Woche mit der neuen Teilstudie. Wie wär’s wenn sie aufhörten, sich bei der Bildungsmisere den schwarzen Peter zuzuschieben? Wenn sie über das Ausländer-Thema offen reden würden? Ohne Vermeidungsreflexe.

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