Meinung : Servierdamen sind nun verboten

Roger Boyes, The Times

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Gut, dass ich an meinem Strand in Polen – zwei Stunden Sonne, zwei Stunden Regen, Heilbutt, Tee mit Sanddorn – in der Zeitung ein Bild von Gerhard Schröder sehen konnte, wie er an einem Strand auf Borkum einen Artikel über Dieter Bohlen an einem Strand auf Mallorca liest. Vor allem war ich erfreut, dass der Machtverlust keinen Effekt auf Schröders Testosteronspiegel hat. Die Paparazzi hatten in diesem Sommer das Thema Männer mit Brüsten, und Schröder war nicht dabei: Tony Blair hat Hängetitten wie sein Gegner David Cameron, wie Romano Prodi, Jack Nicholson und Michael Douglas. Zum Ersten werden in den Boulevardblättern Männerkörper wie Frauenkörper behandelt. Sogar die beiden Kandidaten für die französische Präsidentschaft, männlicher Sarkozy versus weibliche Royal, wurden uns in Badehosen präsentiert. Vielleicht sind das die ersten Auswirkungen des Antidiskriminierungsgesetzes.

Die „BZ“ erregt sich, dass es nun verboten ist, den „Playboy“ im Büro zu lesen. Ich weiß nicht, was man so in der „BZ“ liest, aber der einzige Ort, den ich kenne, wo jemand öffentlich den „Playboy“ liest, sind die exklusiven Seniorenheime am Ku’damm. In einem war ich mal, um einen Fluchthelfer aus dem Kalten Krieg zu befragen. Der las den „Playboy“ und erzählte mir, dass die Zeitschrift bei einer seiner Aktionen eine Rolle gespielt hatte: zwei junge Männer (aus Halle?) meinten, diese Welt der schnellen Autos, exotischer Drinks und retuschierter kalifornischer Mädchen lohnte die Flucht.

Der „Playboy“ ist also verboten. Wie auch der Körperkontakt mit weiblichen Kollegen. O-Ton der Industrie- und Handelskammer: „Der normale Händedruck geht noch in Ordnung, aber übertrieben langer Händedruck und zusätzliche Berührung mit anderer Hand am Oberarm gilt schon als kritisch.“ Verboten: Stellenanzeigen wie „Chefsekretärin“ oder „Servierdame“. Verboten: Geldgeschenke zu runden Geburtstagen ab 50. Verboten: eine Angestellte fragen, ob sie schwanger ist. Liest man die Liste, denkt man: Was für ein absurdes Gesetz. Klar, dass die Arbeitgeber dagegen sind. Die brechen sehr leicht das Gesetz, wenn sie eine über 50-jährige schwangere lesbische Frau ablehnen. Wo sind jene Christdemokraten, die fast zwei Jahre lang verkündeten, individuelle Freiheit geht vor einmischender Reguliererei?

Und doch: Als ich vor Jahren in West-Berlin eine Studentenbude suchte, stand schon in den Inseraten, dass Ausländer nicht gewollt sind. Später wurde das eleganter formuliert, die Botschaft blieb die alte. Ein Vermieter durfte Deutsche vorziehen. Das neue Gesetz lässt das nicht mehr zu, und das ist gut so. Höchste Zeit, die Balance zwischen zivilrechtlicher Vertragsfreiheit und gleichem Recht für alle zu verändern. Sonst wohnen alle Ausländer bald in Ghettos.

Bevor ich mich an den Strand aufmachte, testete ich die heutige Lage mit Hilfe meines Freundes Robert, eines Ghanaers und ex- DAAD-Stipendiats, der fließend Deutsch spricht. Wir blätterten die Immobilienseiten durch, Robert brauchte ein Zimmer. Er rief eine Zehlendorfer Vermieterin an, machte einen Besichtigungstermin und beobachtete das Gesicht der Frau. Robert ist sehr schwarz. Das Zimmer, sagte sie, sei schon weg. Am nächsten Tag rief ich an, stellte mich als Engländer vor und hörte, dass das Zimmer wie ein Wunder noch zu haben sei.

Wenn ich das Gesetz richtig verstehe, ist es nun unmöglich, aus solchen Gründen jemandem die Tür vor der Nase zuzumachen. Nun wird Robert vermutlich gefragt werden, ob er raucht, ob er über ein geregeltes Einkommen verfügt, ob bei seinem Kochen merkwürdige Gerüche entstehen, ob er Besuche von afrikanischen Frauen bekommt – bis der Vermieter einen legalen Grund hat, ihn abzulehnen. Lassen Indizien eine Benachteiligung vermuten, liegt die Beweislast beim Vermieter, dass es sich nicht um Rassismus handelt.

Ist das unfair den Vermietern gegenüber? Vielleicht. Aber es hat etwas Unmoralisches, wenn jemand eine Wohnung lieber leer stehen lässt, als sie an einen Schwarzen oder Türken zu vermieten. Ablehnung ist nicht Ausdruck von Freiheit – sondern von Rassenvorurteilen. Berlin ist meistenteils eine tolerante Stadt. Es ist nicht das Alabama der 1960er. Gerade deshalb sollten wir uns mit dem sogenannten Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz abfinden. Es ist ein in weiten Teilen durch und durch lächerliches Gesetz. Aber es ist besser als gar kein Gesetz.

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