Sexismus und Schlampen-Demos : Nackte Frauen als Belohnung

Sex ist ein Mittel des Machterwerbs und der Machterhaltung. Auch in der Mitte der Gesellschaft ist es mit der Geschlechtergleichheit nicht weit her, wie einige Beispiele aus jüngster Vergangenheit eindrucksvoll belegen.

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London, 11. Juni 2011: Tausende Frauen demonstrieren beim so genannten Slutwalk - übersetzt etwa: Marsch der Schlampen - auf dem Trafalgar Square gegen sexuelle Gewalt im Alltag.Alle Bilder anzeigen
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12.06.2011 12:37London, 11. Juni 2011: Tausende Frauen demonstrieren beim so genannten Slutwalk - übersetzt etwa: Marsch der Schlampen - auf dem...

Diese Frauen sind jung. Sie sind durchtrainiert. Sie sind ausgelassen. Ihr Haar ist zerzaust. Sie planschen im Wasser. Und jetzt raten Sie mal, was da mit den knappen weißen T-Shirts passiert. Na, läuft das Kopfkino? Nein? Dann sind Sie wahrscheinlich eine Frau. Wenn Sie ein Mann sind und mehr sehen wollen, können Sie sich die fünf Nachwuchsfußballerinnen, von denen hier die Rede ist und die sich im Namen des Frauenfußballs ausgezogen haben, im Internet anschauen. Wo, steht irgendwo im letzten Drittel des Textes. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Nackte Frauen als Belohnung, das funktioniert ja offenbar in Deutschland.

Wie frauenspezifische „Incentives“, also Boni, aussehen, weiß man nicht so recht, denn dort, wo sie verteilt werden, unter Außendienstmitarbeitern von Versicherungen zum Beispiel, gibt es nicht so viele Frauen. Dabei hätten eigentlich auch die Frauen in diesen Tagen etwas zu feiern. 50 Jahre Pille in Deutschland. 40 Jahre „Wir haben abgetrieben!“ Der „Stern“-Titel, der schließlich, viel später, zur Straffreiheit der Abtreibung führte, erschien am 6. Juni 1971. Nur wenige Monate, nachdem der Deutsche Fußballbund (DFB) das Verbot des Frauenfußballs aufgehoben hatte.

Doch der historische Moment wird kaum gewürdigt. Stattdessen reden wir über die Spermaspuren des Ex-IWF-Chefs in einem New Yorker Hotelzimmer und über den Betriebsausflug von Vertriebsmitarbeitern der Hamburg-Mannheimer zu Prostituierten nach Ungarn. Die Mehrheitsgesellschaft gibt sich schockiert. Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem es „LehrerInnenzimmer“ gibt und ganze Heere von Frauenbeauftragten, ein Unternehmen solche Umtriebe zulässt?

Die Antwort ist: Der Sexismus ist von der gesellschaftlichen Fassade weg-gegendert worden. Aber in vielen Nischen wird er noch nicht einmal als solcher bezeichnet. Und auch in der Mitte der Gesellschaft, da, wo sich Frauen sicher fühlen, ist die Geschlechtergleichheit nichts als ein dünner Schleier, der fortbestehende Asymmetrien verhüllt.

Zunächst zu den Nischen. Halten konnte sich der Sexismus, das ist wenig überraschend, besonders gut in abgeschlossenen Zirkeln, dort, wo Männer unter sich sind oder die Regeln bestimmen. Zwar beteuert das Management der Hamburg-Mannheimer, es habe sich um einen Einzelfall gehandelt. In der Versicherungsbranche, unter Leuten, die Einblick in die Szene der Außendienstmitarbeiter haben, hat die Nachricht von der Sexreise aber kaum jemanden überrascht. Prostituierte gehören wohl eher, ebenso wie Trinkgelage, zur Nischen-Normalität. Erst durch die Außenperspektive wurde der Fall zum Skandal.

Auch die Welt des Dominique Strauss-Kahn, die Welt der Hochfinanz und des Topmanagements, ist eine geschlossene. Eine Welt, in der einer, dessen Verhalten Frauen gegenüber pathologische Züge trägt, über Jahrzehnte tun und lassen konnte, was er wollte, ohne dass ihn jemand zur Ordnung rief.

Eine skurrile Zitatensammlung zum Fall Strauss-Kahn
„Das Gefühl von Macht steigert in nicht unerheblichem Maße die Manneskraft der Machthaber. In Frankreich, wo Affären im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten gut ankommen, missfällt das nicht, im Gegenteil“. Benoît Rayski, „Atlantico“, 16. 5.Weitere Bilder anzeigen
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02.06.2011 10:08„Das Gefühl von Macht steigert in nicht unerheblichem Maße die Manneskraft der Machthaber. In Frankreich, wo Affären im Gegensatz...

Eine Nische, die sich nun ein Stückchen öffnen will, ist die Sportwelt. Auch hier besetzen Männer alle Schlüsselfunktionen, sie dominieren die Verbände, die Sportmedien und die Sponsoren. Die Folge ist, dass über Frauensport weniger berichtet wird als über Männersport. Das Argument lautet stets, Frauensport sei weniger eindrucksvoll. Oder könnte es sein, dass es daran liegt, dass viele Sportlerinnen nicht dem Bild von Frau entsprechen, wie es Männer bevorzugen? Jedenfalls haben es diejenigen Sportlerinnen leichter, die diesem Ideal entsprechen: Tennisspielerinnen in kurzen Röcken. Beachvolleyballerinnen. Und natürlich die, die sich ausziehen.

Manager von Sportlerinnen nutzen Sex als genuines Vermarktungsinstrument. Für die Fifa-Frauen- WM taugte es nicht, die soll als Familienfest verkauft werden. Aber das böse Image der balltretenden Kampflesben will man, bitteschön, bei der Gelegenheit loswerden. Ein Mindestmaß an männlichem Ästhetikempfinden muss schon befriedigt werden. Der Slogan lautet deshalb: „20Elf von seiner schönsten Seite“.

Schockierender aber noch als das Zutagetreten frauenverachtender Praktiken in den Nischen der Gesellschaft ist, dass auch in der kuscheligen Mitte der Sexismus nicht so tief verbuddelt ist, wie viele Frauen gehofft hatten. Die Nachricht von der Verhaftung des Dominique Strauss-Kahn hat auf viele Männer regelrecht enthemmend gewirkt. Endlich mal wieder von der Leber weg im Büro und am Tresen das Wort „Erektion“ laut sagen. Man darf ja sonst nix mehr. Was die Vorstellung von der Szene im Sofitel in Männerköpfen auslöste, lässt sich auch bei den vielen sonst so seriösen Journalisten nachlesen, die das Geschehen kommentiert haben, wie eine erhellende Zusammenstellung im Tagesspiegel am Sonntag vor zwei Wochen zeigte. Da werden Frauen „rangenommen“, „verführt“, „angebaggert“ oder einfach „gefickt“. Da ist die Rede von „Appetit“, „Zügellosigkeit“ und dem „Reiz des schönen Geschlechts“. Rasch wurde alles zusammengerührt – Kachelmann, Schwarzenegger, Strauss- Kahn. Sex, Fremdgehen, Vergewaltigung.

Übrigens: Hübsch, so schrieben einige Zeitungen, soll die von DSK angegriffene Hotelangestellte nicht gewesen sein. Na, dann muss es wohl umgekehrt gewesen sein, oder? Sie hat sich wohl an ihn herangemacht. Schließlich ist er reich. Und mächtig.

Macht macht erotisch. Das war oft zu lesen in diesen Wochen, als Beweis wurden all die ledrigen alten Sarkozys und Matthäusse und Berlusconis und ihre deutlich jüngeren Partnerinnen/Freundinnen/Gespielinnen angeführt. Das ist falsch. Macht ist nicht sexy. Macht wird gelegentlich ausgenutzt, um Sex zu bekommen. Und wichtiger noch: Sex ist ein Mittel des Machterwerbs und der Machterhaltung.

Eine der bekanntesten und umfassendsten Definitionen von Macht findet sich bei Max Weber. Er definiert Macht als „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. Webers Definition ist auch deshalb so handlich, weil sich damit Formen subtiler, kaum sichtbarer Machtausübung greifen lassen. Weber hat erkannt, dass es zur Ausübung von Macht keines Kampfes, keines Zwanges bedarf, sondern lediglich einer irgendwie gearteten Asymmetrie zwischen dem, der seinen Willen durchsetzt, und dem, der diesem Willen folgen muss. Selbst in äußerlich scheinbar gleichwertigen Beziehungen kann Macht ausgeübt werden.

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