Meinung : Sexualverbrechen: Die Basta-Therapie

Robert Leicht

Der Kanzler hat wieder einmal Basta! gesagt: "Ich komme immer mehr und mehr zu der Auffassung, dass erwachsene Männer, die sich an kleinen Mädchen vergehen, nicht therapierbar sind. Deswegen kann es da nur eine Lösung geben: wegschließen - und zwar für immer." Ist das wieder der ärgerliche Populismus des Gerhard Schröder? Wie bei jedem echten Populisten gilt freilich auch hier: Mag er auch mit seinem Hammer den Nagel nicht fein säuberlich auf den Kopf treffen, so doch den Nerv an irgendeinem Punkt. Aber an welchem? Und was ist von den Therapievorschlägen mit dem Vorschlag-Hammer zu halten?

Zum Thema Online-Umfrage: Sexualstraftäter "für immer wegsperren"? Wir brauchen jetzt nicht den politisch korrekten Katalog des rechtsstaatlichen Strafprozesses aufzublättern - er versteht sich von selber. Auch wird der Kanzler ja nicht im Ernst glauben, wenn man ihm nur folge, seien alle Sexualdelikte aus der Welt. Steuern wir also ungesäumt auf die Hauptprobleme zu: Wie denken wir heute über das Verhältnis zwischen wilder Trieb(fehl)steuerung und rationaler Vernunftsteuerung im Sexual(fehl)verhalten? Wie denken wir über die Möglichkeit, solches Verhalten therapeutisch zu verändern? Und wie hoch schätzen wir das Risiko ein, dass wir uns über den Erfolg von Strafe wie Therapie täuschen - auch in der Prognose des künftigen Verhaltens von Delinquenten? Und: Zu wessen Lasten verteilen wir das Irrtums-Risiko?

Offenkundig kommt es trotz mancher Therapieanstrengungen bei solchen Tätern immer wieder zu Fehlentscheidungen. Wollte man stattdessen schlechterdings alle auffällig gewordenen Täter auf ewig "wegsperren", nähme man die erfolgreich Therapierten zur Geisel der Unheilbaren und zur Geisel der Ungewissheit: "Wer gehört zu welcher Gruppe?" Man machte nicht nur einen bestimmten Menschen ohne jedes Ansehen der Person zum Instrument einer unbestimmten Politik - man entwertete zudem die Therapie als im Grunde sinn- und perspektivlos.

Andererseits: Wollte man umgekehrt seine eigene, vermeintlich aufklärerische Vision von der Besserungsfähigkeit aller Menschen ("Was die Gesellschaft ihnen Übles angetan hat, kann sie ihnen durch Gutes auch wieder abtrainieren") in aller Naivität weiterpflegen, machte man die geschändeten Kinder (und Erwachsenen) zu Nebenkosten einer in Wirklichkeit gar nicht menschenfreundlichen "Humanität". So oder so gerät man in die Gefahr, einzelne Menschen zu einem Instrument eines pauschalen Menschenbildes zu machen. Illusionäres Sicherheitsdenken oder illusionäre Liberalität würden dann zur Ideologie.

Was kann man in der Praxis tun, wenn man beide Gefahren meiden und das Risiko jeder Prognose verringern will? Zunächst muss man nach Verbüßung der eigentlichen Strafzeit die Erfolgschancen einer Therapie generell realistischer einschätzen. Sodann darf niemals der Therapeut selber - oder gar allein - die konkrete Prognose stellen. Wer bescheinigt sich schon gerne von selber professionellen Misserfolg? Ganz abgesehen davon, dass sich zwischen Therapeuten und Klienten immer eine Art von "Vertrauensverhältnis" einstellen muss, sonst gibt es nämlich keine Therapie; man kennt vergleichbare "unmögliche" Annäherungen - und Perspektiventäuschungen unter dem Stichwort "Geiselsyndrom". In ähnlich pragmatischer Weise muss man auch den ganzen übrigen Instrumentenkasten neuerlich mustern: Könnte - zum Beispiel - eine massive Ausnutzung des "genetischen Fingerabdrucks" die Zahl jener Sexualmorde verringern, die im Anschluss an ein Delikt aus Angst vor Entdeckung begangen werden; und zwar deshalb, weil der Täter aufgrund des gespeicherten Abdrucks sowieso mit seiner baldigen Festnahme rechnen muss?

Wenn das scharfe Kanzlerwort dazu führte, dass man sich endlich etwas mehr und mehr realistische Gedanken über den Trieb-Menschen und seine "Heilbarkeit" machte, könnte es dazu beitragen, gefährliche Illusionen abzutragen. Wollte der Kanzler aber unmittelbar beim Wort genommen werden, würde er selber Illusionen erzeugen. Das wäre dann ganz schlechter Populismus.

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