Sexueller Missbrauch : Abwehr und Anteilnahme

Sexuelle Gewalt an Kindern ist ein schweres Verbrechen. Schmerz, Scham und Schande empfindet jedes Opfer. Institutionen und Erwachsene müssen dafür sorgen oder gezwungen werden, dass Macht und Abhängigkeiten wirksam durchbrochen werden können. Für Wehrpflichtige gibt es dafür eine Instanz. Warum nicht für Kinder?

Tissy Bruns

Einen Runden Tisch zum katholischen Kontext hat die liberale Bundesjustizministerin vorgeschlagen. Den will die christdemokratische Bildungsministerin thematisch ausweiten, denn auch andere Schulen seien vom sexuellen Missbrauch tangiert. Eine Wahrheit von der Art, die weder der Aufklärung noch der Prävention nützt. Die Vorschläge aus der Politik taugen als Zunder im öffentlichen Aufregungsfeuer und sind auf traurige Weise verlogen.

Die Stimmen der Ministerinnen hören wir im Gefolge des bekannt gewordenen Missbrauchs in Bildungseinrichtungen, die als Eliteschulen gelten. Dabei ist schon aktenkundig, dass hunderte, vielleicht tausende Kinder in katholischen, evangelischen und staatlichen Erziehungsheimen der frühen Bundesrepublik unter Missbrauch und Demütigungen schwer gelitten haben. Einen „Runden Tisch Heimerziehung“ gibt es; er ist Ende 2008 vom Bundestag nach mehr als einjährigen Anhörungen der Betroffenen eingerichtet worden, die sich nur mit größter Mühe Gehör verschaffen konnten.

Keine Bundesministerin hat sich geäußert, solange es um diese rechtlosen Kinder ging, an deren Leiden die öffentliche Anteilnahme sehr begrenzt war. Allerdings kann weder Sabine Leutheusser- Schnarrenberger noch Annette Schavan das Schicksal der Heimkinder (und der katholische Anteil daran) verborgen geblieben sein. Kaum glaubhaft also, dass ihre Einlassungen frei sind von Affekten und Nebenabsichten, die öffentliche Diskussionen über Kindesmissbrauch regelmäßig in die Sackgasse von Abwehr und neuer Verdrängung führen.

Bei Leutheusser-Schnarrenberger ist der antikatholische Reflex kaum zu übersehen; Schavan wiederum relativiert die besondere Verantwortung der katholischen Kirche, die den Missbrauch zum Thema machen muss, weil sie das Wegsehen bis heute nicht überwunden hat. In beiden Fällen mischt sich ein instrumentelles Interesse gegenüber den beteiligten Institutionen in die Anteilnahme mit den betroffenen Kindern. Doch wer, nachträglich oder vorbeugend, wirklich helfen will, muss Absichten dieser Art konsequent hintanstellen.

Sexuelle Gewalt an Kindern ist ein schweres Verbrechen. Das wussten auch schon die Väter, Priester, Lehrer, die in den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik Kinder missbraucht haben. Die aufklärerischen 1970er und 80er Jahre haben dieses Unrecht nicht abschaffen können. Doch sie haben ein Tabu gebrochen, das die Opfer zum Schweigen verdammt und die Täter fast unangreifbar gemacht hat. Ein Kind, das früher den Beichtvater, den Onkel, den Lehrer beschuldigt hätte, musste eher mit Ächtung als mit Hilfe rechnen. Wir haben erst widerwillig lernen müssen, dass Missbrauch und sexuelle Gewalt gedeihen, wo Kinder von angesehenen Institutionen der Gesellschaft abhängig sind, in Internaten, in Schulen, beim Pfarrer, im Sportverein, vor allem in der Familie.

Schmerz, Scham und Schande empfindet jedes missbrauchte Kind, auch heute. Doch seine Möglichkeiten sind größer geworden, Schutz und Vertrauenspersonen zu finden. Das Strafrecht steht auf seiner Seite, Diskretion ist garantiert. Aber eben nur, wenn Institutionen und Erwachsene dafür sorgen oder gezwungen werden, dass Macht und Abhängigkeiten wirksam durchbrochen werden können. Für Wehrpflichtige gibt es diese Instanz. Warum nicht für Kinder – eine Beauftragte des Bundestags, an die sich bedrängte Heranwachsende wenden können, unabhängig von allen Institutionen?

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