Shai Agassi : "Stell dir ein Leben ohne Erdöl vor"

Ist der Elektroauto-Pionier nur ein brillanter Verkäufer oder auch ein Visionär? Seine Ideen finden in jedem Fall Anklang.

Moritz Döbler

Shai Agassi gibt sich nicht mit Kleinkram ab. Die Welt ist sein Maßstab. „Stell dir ein Leben ohne Erdöl vor“ – das ist das großspurige Motto seiner Organisation „Project Better Place“ mit Sitz in Kalifornien. Seine Vorstellung ist, flächendeckend Ladestationen für Elektroautos zu schaffen, deren Reichweite bisher an der Kapazität der Batterien hängt.

Israel und Dänemark sollen Testmärkte werden, und irgendwann soll auch das Autoland USA dabei sein. Vor einem Komitee des US- Repräsentantenhauses machte der selbst ernannte Weltverbesserer jüngst seine Rechnung auf: „Für den Preis von zwei Monaten Erdöl, um die 100 Milliarden Dollar, können wir die Infrastruktur bereitstellen, um die Autos der Nation anzutreiben und die Ölabhängigkeit zu beenden.“ Er ist ein Charismatiker, charmant und mit der Gabe ausgestattet, große Gedanken in einfachen Sätzen auszusprechen. Ein brillanter Verkäufer, so viel ist sicher – vielleicht ein Visionär.

Das Erstaunliche an Agassi ist, dass er mit seiner Verkehrsutopie auf breite Zustimmung stößt. Als er vor einem Monat beim CDU- Wirtschaftstag in Berlin vor Hunderten von Unternehmern sprach, erhielt er stürmischen Applaus – sogar mehr als Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor ihm eine Grundsatzrede gehalten hatte.

Das liegt auch an seiner Biografie eines Weltbürgers und Unternehmers. Er lebt mit seiner Familie in Kalifornien, geboren wurde er 1968 in Israel, Karriere gemacht hat er in Deutschland. Schon als Kind programmierte er Computer; später gründete er diverse Firmen, die er mit Millionengewinnen verkaufte. Eine ging an das größte deutsche Software-Unternehmen SAP, in dem Agassi dann bis in den Vorstand vorrückte. Er war offiziell als Nachfolger von Vorstandschef Henning Kagermann auserkoren, aber als der den Posten nicht schnell genug abgab, ging Agassi.

Seine Version der Geschichte hat noch eine Facette. Das Weltwirtschaftsforum von Davos habe ihn und andere Jungmanager gefragt, was man tun müsse, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen – und diese Frage habe ihn in eine Krise gestürzt. Die Antwort heißt „Project Better Place“.

Was jetzt als Projekt tiefstapelt, soll einmal ein globaler Konzern werden. Das geplante Geschäftsmodell orientiert sich an den Handyverträgen von heute: Für das Auto selbst – Agassi arbeitet mit Renault-Nissan zusammen – zahlt der Kunde relativ wenig oder sogar nichts, aber für die Nutzung der Ladestationen.Moritz Döbler

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