Meinung : Sicherheitskonferenz: Sie können zu viel - und wir zu wenig

Nur wer mitmacht, kann auch mitreden. Und: ohne Engagement kein Einfluss auf den Lauf der Dinge. Darum hat Deutschland beschlossen, sich zu engagieren in Amerikas Koalition gegen den internationalen Terrorismus - auch militärisch. Die Bundesrepublik schützt sich damit nicht nur gegen potenzielle Bedrohungen, sie verteidigt so auch ihre Stellung als Mittelmacht in der Weltpolitik. Nur: Wo werden denn nun Mitsprache und Einfluss sichtbar?

Amerika scheint sich nicht sonderlich zu scheren um die Meinung seiner Verbündeten. Das hat George W. Bushs Rede zur Lage der Nation mit Drohungen gegen die "Achse des Bösen" gezeigt, das belegen die äußerst selbstbewussten Auftritte der Amerikaner bei der Sicherheitskonferenz in München. Die Deutschen machen mit bei "enduring freedom" - und sind dennoch zurückgefallen in ihrer Bedeutung.

Das widerlegt nicht gleich die Regel. Der deutsche Einfluss ist deshalb so gering geblieben, weil das Engagement zunächst mal aufgedeckt hat, wie begrenzt die Fähigkeiten der Bundesrepublik sind. Sie ist das bevölkerungsreichste Land und die Wirtschaftsmacht Europas, aber nicht in der Lage, Soldaten und Material in überschaubarer Zeit an Krisenherde zu bringen oder die Führungsrolle in Afghanistan zu übernehmen.

Mit hohem moralischen Aufwand wurden Parlament und Gesellschaft dazu gebracht, die Bundeswehr nach Kabul und Kenia, nach Kuwait, Dschibuti sowie vor Somalias Küste zu entsenden. Das ist vielerlei, aber nicht viel, strategisch unbedeutend. Doch reichte es, um Deutschlands Muskeln zu überdehnen.

Im internationalen Geschäft gibt es für moralischen Mehraufwand keine Prämien, sondern nur für praktische Beiträge von Gewicht. Insofern standen die Deutschen in München zu Recht am Pranger. Der Wehretat ist zu niedrig, die Ausrüstung veraltet, die Kooperationsfähigkeit mit den USA wegen deren technischem Vorsprung gefährdet. Und selbst wenn die Regierung den Hebel umlegt, wird sich daran über Jahre wenig ändern. Der Militär-Airbus etwa, dessen Finanzierung noch gesichert werden muss, soll ab 2008 ausgeliefert werden. Und durch die Nato-Erweiterung auf rund 25 Staaten wird der europäische Arm nicht handlungsfähiger.

Sollen die Deutschen also besser schweigen und die Amerikaner machen lassen? Nein, denn die USA stehen vor der umgekehrten Gefahr: Sie sind militärtechnisch so überlegen, dass sie in Versuchung geraten, Operationen zu beginnen, nur weil sie dazu in der Lage sind. Die politischen, diplomatischen und ökonomischen Ansätze zur Problemlösung drohen sie aus dem Auge zu verlieren. Es ist schon atemberaubend, wie die USA jetzt jede Bedrohung unter der Überschrift Terrorismus einordnen - und militärische Antworten anbieten. Die Atomwaffenprogramme des Iran und Nordkoreas bieten Anlass zur Besorgnis, mit Al-Qaida-Terrorismus aber haben sie wenig zu tun. Warum entwickelt der Westen nicht eine Strategie nach dem Vorbild der Entspannungspolitik - mit politischen und ökonomischen Anreizen für Vertrauensbildung und Rüstungskontrolle?

Es gibt keinen Grund, den Fehler mancher Europäer nach dem 11. September zu wiederholen: Horrorszenarien vom amerikanischen Cowboy zu entwerfen, der in seiner Wut und Ignoranz die halbe Welt in Brand steckt. Die USA haben seither moderat gehandelt und ziemlich erfolgreich. Triumph und uneingeschränkte Dominanz können aber zum Übermut verleiten. Nach den Siegen über Milosevic und die Taliban malt man sich in Amerika schon die Bilder aus von den Bürgern Bagdads, die demnächst über ihre Befreiung von der Diktatur jubeln wie kürzlich die Menschen in Kabul. Aber: Würde ein Krieg die Region wirklich sicherer machen? Gibt es keine Alternativen?

Europa muss solche Fragen stellen. Vier Augen sehen mehr als zwei. Der amerikanische Blick ist zu sehr aufs Militärische gerichtet. Größeren Einfluss gewinnen wird die Mittelmacht Deutschland nur in dem Maße, in dem ihre Fähigkeiten zum Handeln wachsen. Aber manchmal genügt ja schon eine überzeugende Kurskorrektur, um wieder Gehör zu finden: mehr Geld für Scharpings Nachfolger.

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