Meinung : Sie haben die Größe nicht

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Von Clemens Wergin

Es gab Zeiten, da pilgerten Politiker aus den Krisenregionen der Welt nach Israel, um sich den in Oslo begonnenen Weg zum Frieden erklären zu lassen. Letzte Woche fuhren Politiker aus Israel mit palästinensischen Ministern nach Nordirland, um sich erzählen zu lassen, was die Krisenmanager dort besser machen. Die Botschaft der Iren: Wenn der Friedensprozess zu zerbrechen droht, helfen nur couragierte und entschlossene Politiker auf beiden Seiten. Mit gesenkten Köpfen fuhren Israelis und Palästinenser wieder nach Hause. Sie wissen, dass weder Jassir Arafat noch Ariel Scharon die Statur haben, das Blutvergießen zu beenden.

Zwar hat sich seit der großen Militäraktion Israels die öffentliche und veröffentlichte Meinung unter den Palästinensern geändert. Nicht nur Arafat und Vertreter seiner Autonomiebehörde, auch viele andere machen nun deutlich, dass der Terror, der jetzt wieder 16 Israelis das Leben gekostet hat, den nationalen Interessen der Palästinenser schadet. Tatsächlich geschieht wenig, um diesen Worten auch Taten folgen zu lassen.

Noch immer können sich die Extremisten frei innerhalb der palästinensischen Gesellschaft bewegen. Auf der anderen Seite spielt auch Scharon ein doppeltes Spiel. Während er eine internationale Nahostkonferenz propagiert, lässt er palästinensisches Land für die Erweiterung von Siedlungen enteignen. Obwohl eine Mehrheit der Israelis den Rückzug aus Teilen der besetzten Gebiete und die Aufgabe von Siedlungen befürwortet.

Der Nahostkonflikt lässt sich beschreiben in der Figur von konzentrischen Kreisen: Israels Konflikt mit den Palästinensern bildet den innersten Ring, darum kreist der Konflikt des jüdischen Staates mit der arabischen Welt, und der äußerste, große Ring ist die Konfrontation der westlichen Zivilisation, als deren Vertreter Israel gilt, mit der islamischen.

Seit dem Oslo-Vertrag von 1993 galt der innerste Kreis als eigentlicher Schrittmacher auf dem Weg zum Frieden. Seit aber die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern immer neue Grenzen überschreitet, werden die moderaten arabischen Regime, allen voran Saudi-Arabien und Ägypten, zum Hoffnungsträger. Vertreter der Saudis und Ägyptens Präsident Mubarak sind dieser Tage in Washington, um die Amerikaner zu mehr Engagement zu bewegen. Diese Bemühungen werden vergeblich sein, wenn es vor der im Sommer geplanten Friedenskonferenz zu jenem „Mega-Anschlag" kommen sollte, vor dem israelische Sicherheitsbehörden warnen. Ein Anschlag mit hunderten, gar tausenden Toten – wie auf das Treibstoffdepot bei Tel Aviv, der nur durch Glück scheiterte – würde Israel zur kompletten Besetzung der Autonomiegebiete legitimieren.

Dass Arafat weiter so tut, als ginge ihn das Treiben der Terror-Organisationen wenig an, zeigt das Ausmaß seines Versagens. Mit dieser politischen Führung ist kein Staat zu machen. Die US-Regierung hat Recht, wenn sie Arafat für politisch „ineffektiv“ und als Person „nicht vertrauenswürdig“ hält. Das große Problem bleibt nur: Es gibt keinen anderen. Noch nicht.

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