Meinung : Sie sind nicht sicher

Afghanistan: Die Friedenstruppe ist zu schwach für die Ausdehnung auf die Provinz

Christoph von Marschall

Im normalen Leben würde man über solche Leute spotten: wie inkonsequent, wie widersprüchlich! Die etwas möchten und das Gegenteil dazu. Da würde man den Kopf schütteln: Die wissen nicht, was sie wollen.

Aber Afghanistan ist alles andere als deutsche Normalität. Das Oberkommando über die Friedenstruppe Isaf übergaben Deutsche und Niederländer gestern an die Nato – zu Berlins großer Erleichterung. Die Verantwortung wollte Deutschland, das war von Anfang an klar, nach sechs Monaten wieder abgeben. Seither sind 14 Bundeswehrsoldaten ums Leben gekommen, teils durch Unfälle, einige bei Anschlägen. Zugleich möchte Verteidigungsminister Peter Struck mehr Verantwortung übernehmen und das Einsatzgebiet der Isaf auf die Provinzen ausdehnen. Begründung: Die Lage dort sei so unsicher, dass man sie dringend befrieden müsse. Und dem widersprüchlichen Zusatz: Man dürfe die Soldaten aber nur an sichere Orte schicken.

Klingt inkonsequent und widersprüchlich. Und ist doch kein Grund zum Spott. Die Ambivalenz ist sehr verständlich. Man muss kurz zurückblicken. Auf eine Politik, die vor nicht mal zwei Jahren als Heldenepos mit Happy End begann, sich aber in ein Drama mit unsicherem Ausgang verwandelt hat.

Rot-Grün wollte Geburtshelfer eines demokratischen Afghanistan werden. Aus Mitgefühl mit den Menschen dort nach 25 Jahren Bürgerkrieg. Aus Verantwortung, denn nach dem Anschlag auf das World Trade Center hatte der ganze Westen Amerikas Feldzug gegen die Taliban unterstützt, die dem Terrornetz Al Qaida Zuflucht geboten hatten. Rot-Grün tat das aber auch auf der Suche nach Deutschlands neuer Rolle in der Welt.

So wurde die Regierung Schröder/Fischer zum Gastgeber der so genannten Petersberg-Konferenz. Nach wochenlangen Beratungen in Bonn einigten sich die afghanischen Clans und Ethnien auf eine Übergangsregierung unter Hamid Karsai. Und eine internationale Friedenstruppe, die Isaf, die Sicherheit und Stabilität in Kabul garantieren sollte.

Heute ist die Lage ernüchternd. Der Staat Afghanistan, den Verteidigungsminister Struck gestern besuchte, ist ziemlich überschaubar. Die Autorität der Regierung reicht kaum über die Hauptstadt hinaus. In den Provinzen haben regionale Warlords die Macht. Der Aufbau der Demokratie kommt nicht voran. Schlimmer noch: Die Erfolge der amerikanischen Intervention stehen wieder in Frage. Weil die zentrale Autorität nicht überall respektiert wird, besteht die Gefahr, dass die Taliban sich reorganisieren. Unter ihrem Schutz oder in einem Machtvakuum könnte auch Al Qaida wieder Rückzugsräume finden – wie vor dem 11. September 2001.

Gute Stimmung machen

Deshalb wollen Peter Struck und andere in der Koalition Soldaten in die Provinzen schicken. Aber hat er die Unterstützung des Kanzlers? Dessen Sprecher nannte den Plan kürzlich Strucks „persönliche“ Haltung – das klingt nach Distanzierung. Vorrang habe die Sicherheit der deutschen Soldaten.

Die Lage ist verzwickt. Für Strucks Vorschlag spricht ebenso viel wie dagegen.

Wer auf die brisante Lage schaut, kommt zu dem Schluss: Der Westen muss mehr tun, muss genug Soldaten aufbieten, um ganz Afghanistan unter die Autorität der Zentralregierung zu zwingen. Wenn in den Provinzen Anarchie herrscht und die Taliban sich reorganisieren, dann war alles umsonst. Dann sind auch die geplanten Wahlen eine Farce.

Wer umgekehrt fragt: Was können wir mit unseren Mitteln erreichen, der wird skeptisch sein. 5000 Soldaten schaffen es mit Ach und Krach, Kabul ruhig zu halten. Was für eine riesige Streitmacht wäre nötig, um ganz Afghanistan zu kontrollieren? 50 000? Oder 100 000? Und wer will die stellen?

Im kleinen Bosnien wurden nach dem Krieg 60 000 Friedenssoldaten stationiert. Afghanistan ist 13 Mal so groß. Die Warlords werden auf ihre Macht und die einträglichen Geschäfte mit Rauschgift, Waffen und Schmuggel nicht freiwillig verzichten. Sie haben Kämpfer, die durch 25 Jahre Krieg geschult sind. In militärischer Konfrontation lässt sich diese Situation nicht beherrschen.

Deshalb, sagt Struck, sollen Soldaten erst mal in kleinen Wiederaufbauteams in die Provinzen – um Brücken und Krankenhäuser zu reparieren und gute Stimmung zu machen. Die Gegend um Herat wird für den Probelauf abgelehnt. Dort herrscht der brutale Ismail Khan. Zu gefährlich. Dann war ein Vorort von Kabul im Gespräch. Und wurde verworfen: Dort ist es schon ruhig, bringen die Soldaten also nicht den erhofften Fortschritt. Nun also Kundus? Dort haben Amerikaner die erste Hälfte der Arbeit schon geleistet.

Ist so ein Mittelweg die Lösung, wenn die Ausdehnung des Mandats geboten ist, aber niemand die Truppen stellen will, die nötig wären, um ein kalkulierbares Risiko daraus zu machen? Der Volksmund warnt: In der allergrößten Not bringt der Mittelweg den Tod. Einerseits. Andererseits hat die Bundesregierung nur diese Möglichkeit, wenn sie überzeugt ist, dass ein schlichtes Weiter-so in Kabul alle Erfolge wieder zunichte macht. Sie setzt auf Hoffnung und deren Eigendynamik: dass die Kräfte, die den Nutzen des Friedens spüren, stärker werden. Und am Ende stark genug, um sich gegen alle Hindernisse und Gefahren durchzusetzen. Wie schön, wenn man den Optimismus teilen könnte.

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