Meinung : „Sie trägt Kopftuch, weil ihr kalt ist“

Thomas Seibert

Huldvoll lächelt sie unter ihrem dunklen Umhang hervor: Fulla, die islamische Antwort auf die westliche Modepuppe Barbie, sorgt zum Start des Schuljahres in der Türkei für Wirbel. Tausende frommer Eltern haben eine Schultasche mit dem Bild der Kopftuch-Barbie für ihre Töchter gekauft – „so kommt das Kopftuch mit Hilfe der Tasche in die Schule“, kommentierte eine Zeitung am Montag. Für Laizisten ist der Trend ein neuer Beweis für die schleichende Islamisierung der türkischen Gesellschaft.

Rund zehntausend islamische Schultaschen hat Importeur Hakan Korkmaz schon verkauft. Mit umgerechnet 3,70 Euro ist die in China produzierte Fulla-Tasche auch für ärmere Eltern erschwinglich, die ihre Kinder zum Schulstart ausrüsten müssen. Für 1,3 Millionen Erstklässler in der Türkei begann am Montag der Ernst des Lebens.

Fulla-Puppen gibt es schon seit längerem, sie sind unter anderem in Ägypten ein großer Hit. Anders als die für ihre wallende blonde Mähne bekannte US-Barbie verbirgt Fulla ihr Haar sittsam unter einem Kopftuch, das auch den Hals und die Schultern verhüllt und nur das Gesicht freilässt. Probleme mit dem Kopftuchverbot in den Schulen der säkulären Republik Türkei kann Korkmaz nicht erkennen. Die Kopftuchpuppe sei keinesfalls ein religiöses Symbol. „Sie trägt Kopftuch, weil ihr kalt ist“, sagt der Geschäftsmann mit einem Augenzwinkern. Wenn er nicht alle Taschen in der Türkei verkaufen könne, werde er den Rest eben nach Iran exportieren.

Türkische Laizisten können darüber überhaupt nicht lachen. Sie haben das Gefühl, dass radikale Islamisten in ihrem Land immer mehr die Oberhand gewinnen. Fullas Erfolg ist dabei nur ein Stein des Mosaiks. Vor zwei Wochen wurde an einem westtürkischen Strand eine junge Frau von Islamisten angegriffen, denen ihr knapper Bikini unmoralisch vorkam.

Auch die auffallend langsamen Ermittlungen der Polizei nach einem Mordfall bei einer streng islamischen Sekte nähren bei den Laizisten das Gefühl, dass die Religiösen tun und lassen können, was sie wollen. In der Moschee der Ismailaga-Sekte im frommen Istanbuler Stadtteil Fatih hatte ein Mann den Imam während des Morgengebetes erstochen und war darauf von einer wütenden Menge gelyncht worden. Obwohl zur Tatzeit mehrere hundert Sektenmitglieder in der Moschee waren, hat die Polizei bisher keinen einzigen Verdächtigen festgenommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben