Meinung : Sieg der Beweglichen

Die EM-Erfolge der Leichtathleten sind gut für den Breitensport – wenn sie sauber sind

Friedhard Teuffel

Die Deutschen können wieder laufen. Diese aufmunternde Botschaft kommt von den Leichtathletik-Europameisterschaften aus Göteborg. Beim Sprinten über Hürden haben deutsche Athleten Medaillen gewonnen, auf den langen Strecken sogar Titel. Es waren jetzt freilich nur Europameisterschaften, und bei den nächsten Weltmeisterschaften werden wieder Sprinter aus Amerika und der Karibik vorneweg rennen und Langstreckenläufer aus Afrika.

Ob aus Deutschland noch einmal ein Olympiasieger über 5000 Meter kommt wie Dieter Baumann, der ehrfurchtsvoll der weiße Kenianer genannt wurde, ist im Moment nicht sehr wahrscheinlich. Doch die Erfolge aus Göteborg sollte man nicht nur mit den Messinstrumenten des Sports bewerten.

Denn die deutschen Läufer haben in Göteborg nicht für sich allein gewonnen, nicht nur für ihren Verband. So gut die Siege der Fußball-Nationalmannschaft fürs Gefühl in Deutschland waren, so wichtig sind die der Leichtathleten für die Beweglichkeit. Die Laufbewegung ist die vielleicht größte Bürgerbewegung der Republik, und sie spiegelt auch die Vielseitigkeit der Gesellschaft wider.

Manche laufen nur für sich, andere haben sich zwanglos in Lauftreffs organisiert, und wieder andere schließen sich Vereinen an. Die Laufbereitschaft der Deutschen übertrifft auch ihre Aktivitäten in den Volkssportarten Radfahren und Schwimmen, wohl auch weil Laufen die einfachste Art und immer und überall möglich ist. Dass aus ihrem Land erfolgreiche Athleten in der olympischen Kernsportart kommen, werden nicht alle zur Kenntnis genommen haben. Das müssen sie auch nicht, weil sie gar nicht mehr überzeugt zu werden brauchen vom gesundheitlichen Nutzen und vom Spaß am Laufen. Aber erfolgreiche Athleten sind eine ausgezeichnete Bestätigung, dass aus dem Spaß am Laufen mehr werden kann, nämlich Sportkarrieren. Und sie können Begeisterung wecken, bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen.

Ausbleibende Erfolge und fehlende Motivation sind jedoch nur zwei Gefahren, der die Leichtathletik wie der ganze Sport in Deutschland ausgesetzt ist. Die andere große ist das Doping. In Göteborg haben manche Leistungen wieder Misstrauen hervorgerufen. Athleten können auch schlechte Vorbilder sein. Längst wird auch im Freizeitsport gedopt, die Hemmschwelle für den Griff zum verbotenen Mittel sinkt, je mehr sich die Annahme durchsetzt, dass ja die Besten ebenfalls nicht mehr ohne auskommen. Und wer wird schon seine Kinder in den Verein schicken, wenn er befürchten muss, dass der Trainer mit Spritze und Pillendose an der Laufbahn wartet?

Wenn der Zweifel so stark ist, steht die Leichtathletik auf wackligen Füßen. Auf jeden Fall darf der Zweifel nicht stärker werden als die Gewissheit, dass einen Laufen immer weiterbringt.

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