Meinung : Siege in der Schlacht von gestern

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Von Alfons Frese

Die Zukunft gewinnt man nicht von selbst. Im Gegenteil. Ein großer Kongress mit fast 1000 Teilnehmern und dem Kanzler muss es schon sein, wenn sich die IG Metall in diesen Tagen in Leipzig mit sich selbst beschäftigt. Die Großgewerkschaft tut sich schwer mit Veränderungen; niemand käme auf die Idee, die Gewerkschaften und insbesondere die IG Metall als Träger des Fortschritts zu bezeichnen. In den 90ern, dem Jahrzehnt der Globalisierung, hockten die Gewerkschaften vielmehr in der Wagenburg, umstellt von Deregulierern und Privatisierern, die dem Kapital den Weg frei schossen.

Derart in Bedrängnis, gab es kaum noch Bewegung nach vorn, aber reichlich nach unten: Der Mitgliederstand sinkt seit Jahren, und Jugendliche, Frauen und Angestellte haben eine ähnliche Affinität zu Gewerkschaften wie Hans Olaf Henkel. Das soll jetzt alles anders werden, die Gewerkschaften werden selbstbewusster und machen wie selbstverständlich sozialpolitischen Einfluss geltend. Bei der Reform der Gesundheitspolitik zum Beispiel wird die nächste Regierung nicht an den Gewerkschaften vorbeikommen. Und nach eher zurückhaltenden Zeiten scheint es in diesem Jahr fast überall Streiks zu geben; im Ergebnis steigen die Löhne und Gehälter fast überall um mehr als drei Prozent. Das ist ein großer Erfolg , warum sollten die Gewerkschaften sich also Sorgen um die Zukunft machen?

Weil mit der Tarifrunde 2002 die Zeit der Siege endet. Wirtschaftlich unsinnig ist die Gleichmacherei in der Tarifpolitik schon lange. Wenn etwa die IG Metall in Stuttgart vier Prozent mehr Lohn aushandelt, dann muss der Metallbetrieb in Dessau auch vier Prozent mehr zahlen. Doch jetzt muckt dagegen die eigene Mitgliedschaft auf. Den Facharbeitern bei Porsche und Mercedes ist der diesjährige Abschluss zu gering, die dortigen Metaller sind sauer auf ihre Gewerkschaft. Da die Unterschiede zwischen den Branchen und den Betrieben aber noch größer werden, kommt also die IG Metall nicht um eine differenzierte Tarifpolitik herum.

Die IG Metall tut sich damit genauso schwer wie mit einer Reform der Sozialsysteme, deren Ausgaben und deren Einnahmen bestenfalls stagnieren. Doch auch auf dieser Großbaustelle der Innenpolitik wird die Gewerkschaft, die sich so gern als Bewahrer des Sozialstaats gibt, von ihren Mitgliedern zur Bewegung verdonnert. Die Arbeitnehmer zahlen hohe Steuern und Sozialabgaben, aber die Renten sind trotzdem nicht sicher und die Krankenversorgung wird auch schlechter. Irgendwann machen das die Arbeitnehmer nicht mehr mit – und werden ihrer IG Metall eine Bremserrolle bei den Sozialreformen nicht mehr durchgehen lassen.

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