Siegen um jeden Preis : Doping Ost, Doping West

Genau wie in der DDR galt auch für den Sport in der Bundesrepublik offenbar nur die Devise: Sieg oder Niederlage.

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Zu welchen seelischen Verletzungen der Erfolgsdruck im Sport führen kann, das haben die vergangenen Tage gezeigt. Mit dem Fall des scheinbar so selbstbewussten Fußballtrainers Ralf Rangnick. Der Sportbetrieb nimmt wenig Rücksicht auf die Seele. Und auf den Körper erst recht nicht.

Den Körper dem Erfolgsstreben vollkommen unterzuordnen, hat eine lange Tradition. Auch in einer sich für frei haltenden Gesellschaft wie der Bundesrepublik. Wozu über langfristige Nebenwirkungen des Dopings nachdenken, wenn kurzfristig der ganz große Sieg erreicht werden kann? Gerade arbeiten Forschergruppen die Dopingvergangenheit der Bundesrepublik auf. Es überrascht nicht, dass sie auf mehr gestoßen sind als auf das Privatdoping einiger Überehrgeiziger: Ein staatliches Institut hat Dopingforschung finanziert, Politiker haben mit ihren Forderungen nach Medaillen, etwa bei den Olympischen Spielen 1972 in München, indirekt zum Doping aufgerufen. Da hält es der Staat wie die Sportverbände: Sie haben nichts gegen Doping, nur gegen Dopingfälle.

Noch halten sich die Forscher damit zurück, Doping in Ost und West miteinander zu vergleichen. Dabei hat diese Debatte schon kurz nach der Wiedervereinigung begonnen und ihren bisherigen Höhepunkt erlebt bei zahlreichen Gerichtsprozessen gegen führende Funktionäre, Trainer und Sportärzte aus der DDR. Der westdeutsche Sport schaute – teils erleichtert, teils hämisch – dabei zu, wie sich die Öffentlichkeit am DDR-Dopingsport abarbeitete.

Das DDR-Dopingsystem war flächendeckend und drohte Aussteigern mit dem Rauswurf aus dem Sportsystem. Das ist umfassend belegt. Doping in der Bundesrepublik war nicht explizit staatlich angeordnet, alles passierte subtiler. Doch die Logik Sieg oder Niederlage war die gleiche. Dass der westdeutsche Sport humaner war, widerlegen spätestens Experimente des Deutschen Schwimm-Verbandes aus den Siebzigern, bei denen Athleten Luft in den Darm geblasen wurde, um ihre Wasserlage zu verbessern.

Weil im Sport alles miteinander verglichen wird, stellt sich die Frage: Welches Dopingsystem war schlimmer? Das in der DDR war umfassender, technokratisch kalt und verging sich schon an minderjährigen Mädchen. Aber wenn das System an sich schlimmer war, trägt dann der Einzelne darin auch größere Schuld?

Ein westdeutscher Leichtathletiktrainer hat einmal gesagt, dass die kriminelle Energie zum Dopen im Westen höher gewesen sein muss. Denn es war eine weit ungezwungenere Entscheidung als in der DDR, wo ein Nein zum Doping mit Repressionen verbunden war. Moralisch gesehen kann sich das westdeutsche Doping daher nicht über das im Osten stellen.

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