Meinung : Sind Amerikaner sozial kalte Egoisten und Waffennarren?

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„Vorbild Joker?“ vom 25. Juli

Liefert die Gesellschaft nicht selbst, mit ihren Batman-, Rambo-, Terminator-Idolen und Gewaltverherrlichungen, die Vorbilder, für das, was sich anschließend in solchen Amokläufen wie in dem Kino in Aurora entlädt? Ein Land, in dem es quasi kein soziales Gewissen gibt, keine Instanz, die zur Mäßigung und zum Innehalten mahnt, in der ruchlose Wall-Street- Akteure machen können was sie wollen, in der Gewalt, Gerissenheit, Schamlosigkeit, Profitgier zum Alltag gehören, in der verantwortungslose Politiker Menschen belügen und manipulieren, in dem es keine wirkliche Opposition gibt, die diese Mängel anprangert, in der es nur noch iPod-, Handy-, Flachbildschirm- und Talkshowwahrheiten gibt. Eine Gesellschaft, in der nur der etwas gilt, der sich rücksichtslos nach oben geboxt hat? Eine Gesellschaft als Bühnenbild für Egomanen, Durchgeknallte, eiskalte, zynische Zockerprofis? Statt mit diesen Fragen beschäftigt man sich medienwirksam mit dem Waffengesetz, der wohl brutalstmöglichen Form der Nichtaufklärung. Vermutlich mehr aus Angst, es könnte eine Grundsatzdiskussion um den Zustand der amerikanischen Gesellschaft losgetreten werden.

Wolfgang Gerhards, Berlin-Tempelhof

Vieles an Amerika ist uns Deutschen fremd. Und manches wird auch bei näherem Hinsehen nicht verständlicher. Dazu gehört das Waffenrecht. Es ist die Kehrseite einer überzogenen Freiheit von staatlicher Bevormundung. Angesichts der Häufung tödlicher Schießereien mit vielen Toten – jüngst in einem Kino in Colorado und in einem Sikh-Tempel in Wisconsin – wünschen sich übrigens auch viele Amerikaner eine offene Diskussion, ob es nicht mehr Hürden für den Waffenkauf geben muss und bessere Kontrollen, damit psychisch Kranke nicht so leicht an Waffen kommen. Doch selbst wenn nach solchen Tragödien das Entsetzen um sich greift, ist eine klare Mehrheit dagegen, dass der Staat für Bürger, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, den Zugang zu Waffen erschwert.

Das Recht, Waffen zu besitzen, ist den Amerikanern so heilig wie vielen Deutschen das Recht auf Autofahren ohne Tempolimit. Im deutschen Straßenverkehr gibt es Tote durch Raser oder Drängler – und den meisten Menschen im Ausland ist es ähnlich unverständlich, warum die Deutschen das lieber hinnehmen, als eine landesweite Höchstgeschwindigkeit einzuführen. Das Recht auf Waffenbesitz hat Verfassungsrang und geht auf die Zeit der Besiedlung des damals noch wilden Westens zurück, als es in vielen Gegenden noch keine Ordnungshüter gab, die ein staatliches Gewaltmonopol hätten durchsetzen können.

Angesichts der heutigen Lage teile ich da die Kritik. Das gilt jedoch nicht für alle weiteren Stichworte im Leserbrief. In den USA gibt es angeblich „quasi kein soziales Gewissen“? Amerikaner spenden neun Mal so viel wie Deutsche für soziale und gemeinnützige Zwecke. Sie leisten auch mehr freiwillige Arbeit für sozial Schwache, streichen kostenlos deren Wohnungen mit frischer Farbe, spenden Nahrungsmittel und Kleidung. Das tun auch Banker, Investmentmanager und andere Superreiche. In einer Firma, die auf sich hält, gehört es zu den Kriterien für eine Beförderung, dass Angestellte Sozialarbeit leisten.

Die USA sollen eine Ellbogengesellschaft sein, in der nur der etwas gilt, der sich rücksichtslos nach oben boxt? Die meisten Deutschen, die dort gelebt haben, würden kategorisch widersprechen. Amerikaner sind in der Regel ausgesprochen hilfsbereit und offen gegenüber Mitmenschen. Der tägliche Umgangston ist freundlicher als in Deutschland. Gewiss, die Einkommensunterschiede sind größer als in Europa. Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass die Mehrheit der Amerikaner darin ein Problem sieht. Erstaunlicherweise sprechen sich in der Regel mehr als 50 Prozent gegen eine höhere Besteuerung der Reichen aus – obwohl nur ein kleiner Prozentsatz zu den Reichen gehört. Die Mehrheit misstraut dem Staat und meint, dass er nicht vernünftig mit dem Geld der Steuerzahler umgehe. Im Vergleich zu Deutschland fällt auf, dass viele Amerikaner dafür ein ungleich größeres Vertrauen in die Privatwirtschaft haben. Wer erfolgreich ist, so der Schluss, wird wohl eine Menge Dinge im Leben richtig gemacht haben.

Sie meinen vielleicht, das liege an Indoktrination und Lügen und daran, „dass es keine richtige Opposition gibt“? Nein, dem ist nicht so. In den USA wird der Streit der politischen Lager viel schärfer ausgetragen als in Deutschland. Die Meinungsvielfalt in den Medien ist breiter als hierzulande. Natürlich sind darunter auch viele Ansichten, die Ihnen oder mir nicht gefallen.

Es ist nicht meine Absicht, Amerika schönzureden. Auch ich bin entsetzt über die Schießereien und das Waffenrecht. Ich würde weitere Kritikpunkte, die Sie nicht erwähnt haben, hinzufügen, zum Beispiel die Todesstrafe und den Umgang mit Energie. Umgekehrt können Deutsche manches von den USA lernen: mehr Selbstverantwortung, weniger Staat. Es lohnt sich, genau hinzusehen und zu differenzieren.

— Dr. Christoph von Marschall, Amerika-Korrespondent für den Tagesspiegel, Washington

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