Meinung : Sind Speicher die Achillesferse der Energiewende?

Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

„Viele Worte, wenig Taten“ vom 5. Juni

Das Projekt „Energiewende“ könnte als gelungen bezeichnet werden, wenn bei hoher Versorgungsicherheit saubere elektrische Energie zu bezahlbaren Kosten erzeugt wird. Das Kernproblem dabei ist natürlich, dass die Energieerzeugung mit Wind und Sonne vom Wetter, der Jahres- und Tageszeit abhängt.

An einem trüben, und flächendeckend windarmen Tag im November 2009, nachdem ganz Mitteleuropa rund zwei Wochen lang unter einer dunstigen Kaltluftglocke lag, dürfte diese Erzeugung am Tage höchsten 20 Prozent der installierten Nennleistung betragen haben. Und nachts dürfte da fast gar kein Grundstrom erzeugt worden sein. Wir brauchen also Speicher. Man liest von Pumpspeicherwerken, Druckluftspeichern, großtechnisch nutzbaren Lithium-Ionen Batterien, Wasserstofftechnologien, Salzspeichern, wie es sie etwa beim solarthermischen Kraftwerk Andasol in Spanien gibt. Welche Technologien sind für Deutschland überhaupt realistisch, weil im großen Stil nutzbar – und bezahlbar?

Georg Fischer, Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrter Herr Fischer,

die Idee ist bestechend, den Wind- und Solarstrom, der beim beabsichtigten Ausbau der erneuerbaren Energien häufig stärker anfallen wird, als man ihn aktuell verbrauchen kann, einfach für die Zeiten zu speichern, in denen es dunkel ist und völlige Flaute herrscht.

Wie so oft, liegt zwischen einer guten Idee und ihrer Realisierung oft ein steiniger, mühsamer und langer Weg, der auch nicht ohne Rückschläge bleiben dürfte.

Zunächst sind Speicher im Strommarkt nichts Neues, und es gibt auch in Deutschland erprobte und funktionierende Pumpspeicher, in denen der überschüssige Strom dazu dient, Wasser auf den Berg zu pumpen, das bei Bedarf wieder abgelassen wird und so per Knopfdruck Strom erzeugt. Leider wären allerdings alle in Deutschland vorhandenen Pumpspeicher in wenigen Stunden leergelaufen, wenn davon bei Höchstlast unsere Stromversorgung komplett abhängen würde.

Die Möglichkeiten, diese Pumpspeicher zu erweitern, sind begrenzt, da nur wenige, oft landschaftlich sensible Räume dafür infrage kommen und massive Betonbecken, die man nicht einfach verstecken kann, gebaut werden müssen. Selbst, wenn es bei den wenigen Projekten gelingen sollte, die Anwohner von der Notwendigkeit zu überzeugen, dauert die Realisierung ca. 10 Jahre und wird die Reservekapazität nur moderat erweitern. Die Idee, die Seen und Berge in Norwegen zu nutzen, scheitert zunächst mal daran, dass es gar keine ausreichenden Verbindungsleitungen gibt und trotz vieler Ankündigungen bis heute keine feste Entscheidung zum Bau eines Seekabels gefällt wurde. Wenn also die erprobten Pumpspeicher nicht die Lösung bringen, richtet sich der Blick auf neue Technologien und neue Speichermedien. Druckluftspeicher oder die Umwandlung von Strom in Wasserstoff oder Gas bzw. Methan sind dabei die aussichtsreichsten Projekte. Es gibt hier zahlreiche Forschungsvorhaben und Pilotanlagen und hier könnte ein vielversprechendes Innovationsfeld liegen, in dem die deutsche industrielle Entwicklung sich weltweit einen technologischen Vorsprung erarbeiten könnte. Allerdings darf man drei Dinge nicht unterschätzen: 1. Zeit 2. Mengen und 3. Kosten.

Zur Zeit: Viele denken bei Debatten um Speicherlösungen, dass manches, was vielleicht in 40 Jahren geht, bei gutem Willen schon am Freitag nächster Woche funktionieren könnte. Auch auf die Gefahr, etwas Wasser in den Wein zu kippen, glaube ich, dass es eher 20 als 10 Jahre dauern dürfte, bis aus den Pilotanlagen industrielle Großanlagen werden.

Zu den Mengen: Wenn unsere derzeitigen Speicher das Volumen eines Wasserglases haben, würden wir die Wassermenge des Bodensees benötigen, um daraus eine dauerhafte Stromversorgung über mehrere Wochen garantieren zu können, wenn Windstille herrscht und keine Sonne scheint. Bestenfalls das Gasnetz, die Kavernen oder Gasspeicher kämen in die Nähe der Mengen, die aufgenommen werden müssten.

Zu den Kosten: Alle diskutierten neuen Speicherlösungen sind weit weg von der Wirtschaftlichkeitsschwelle auch weil die Wirkungsgrade noch zu niedrig und die Umwandlungsverluste zu hoch sind. Natürlich kann sich das in den nächsten Jahren verbessern, aber auch dann wird kaum jemand in Großprojekte einsteigen, wenn nicht erneut Fördergelder fließen.

Man wird schon in den nächsten Wochen sehen, wie groß die Bereitschaft und die Kraft sein wird, die Förderung der erneuerbaren Energien nachhaltig und zukunftsgerichtet umzubauen. Die 100 Milliarden Euro, die für die Einspeisevergütung der Fotovoltaikanlagen schon für 20 Jahre fest zugesagt sind, holt ohnehin niemand mehr zurück. Selbst wenn die Kürzungen erfolgen, wird das die drastische Erhöhung der Erneuerbare-Energien-Gesetzes- Umlage von 3,5 auf um die 5 Cent nicht mehr stoppen, und wir werden schon vorsichtig darauf „eingestimmt“. Ob angesichts dieser Kostenlawine, die am Ende nur von privaten Haushalten und Gewerbetreibenden getragen werden muss, für die energiepolitisch sinnvolle Speicherförderung noch eine Chance besteht, ist höchst fraglich.

— Matthias Kurth, Rechtsanwalt, Präsident der Bundesnetzagentur von 2001 bis 2012

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