Meinung : Sind wir nicht alle Römer?

Das Buch, das uns diese Welt erklärt, gibt es auch auf der Leipziger Buchmesse nicht

Moritz Schuller

Kaum war der Erste Weltkrieg zu Ende, kam Oswald Spengler mit dem „Untergang des Abendlandes“ auf den Markt. Großartiges Timing. Als vor einem Jahr am ersten Tag der Leipziger Buchmesse der Irakkrieg ausbrach, schlug der Verband deutscher Schriftsteller, dem Zeitgeist folgend, Gerhard Schröder und Joschka Fischer für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vor. Seine Mitglieder hätten stattdessen den Untergang Amerikas beschreiben sollen. Nur der frühe Vogel fängt den Wurm, und die kamen damals aus Amerika: „Das Imperium der Macht“, „Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie“, oder „Die ohnmächtige Supermacht“. Das andere Amerika, das vor dem Krieg geschwiegen hatte, meldete sich plötzlich zu Wort.

Ein Reich ist inzwischen gefallen, es war noch nicht das amerikanische, und in Leipzig beginnt heute wieder die Buchmesse. Und allen Marketingregeln zum Trotz ist das Thema noch nicht vom Büchertisch verschwunden. „Bush-Feuer“, „Die Saudi-Connection“, oder „Schurkenstaat – Wohin steuert Amerika?“, lauten die Titel des Frühjahrs. Offensichtlich verkauft sich das Genre noch immer gut in Deutschland.

Als Edward Gibbon, ein anderer Untergangsfachmann, den zweiten Band seines Hauptwerkes vorlegte, musste er sich Folgendes anhören: „Noch ein verdammtes, dickes, eckiges Buch! Kritzeln, kritzeln, kritzeln, was Mr. Gibbon?“

Die Produktion der heutigen Untergangsliteratur schreitet ähnlich unerbittlich voran: Die aktuellen Bände, gewissermaßen die dritte Generation (beginnt man mit dem wichtigen Werk von Michael Hardt und Antonio Negri), reihen sich zu einer dicken, eckigen „Geschichte vom Fall und Untergang des amerikanischen Reiches“.

Edward Gibbon sah in dessen Dekadenz und militärischen Übermacht die Gründe für den Untergang Roms, Mechanismen also, die das Imperium in sich zusammenfallen ließen. Die Debatte darüber, wie sehr die Gibbon’schen Maßstäbe für die USA taugen, also wie korrupt, verschuldet, undemokratisch diese Supermacht möglicherweise ist, wozu sie taugt und wozu nicht, wie eng Europa sich an sie binden sollte oder nicht – all das lässt sich gut nachlesen. Es ist eine entscheidende Debatte und zugleich nur Fragment einer viel entscheidenderen.

Der Fall Roms, schreibt Gibbon viele hundert Jahre nach dem historischen Ereignis, war eine „Revolution, die für immer in Erinnerung bleiben wird, die noch immer gefühlt wird von den Nationen dieser Erde.“

Ob sich der Irakkrieg nun zu einer solchen Revolution ausweitet, die das Ende des amerikanischen Imperiums nach sich zieht, wird sich erst im Rückblick klären. Doch sollte es so kommen, dann wird Deutschland zu jenen Nationen der Erde gehören, die diesen Untergang zu fühlen bekommen. Es wird nämlich mit untergehen.

Ein Jahr nach dem Beginn des Irakkriegs erscheinen noch immer Bücher, die eine Anamnese des amerikanischen Zustands leisten, ein wenig so, als beträfe der Untergang nur George W. Bush persönlich. Doch das vergangene Jahr hat deutlich gemacht, dass wir längst auch andere Bücher brauchen: solche, die deuten, was nach diesem Niedergang kommt. Die nicht nur von Amerika reden, sondern von China und Indien, von der demographischen Schere, die sich weltweit öffnet, von der Verarmung und Überalterung des Westens, vom Rest dieser Welt und ihrer Zukunft. Die vom Fall Amerikas reden, ohne den darauf folgenden Untergang des Abendlandes zu vergessen.

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