Meinung : Sinn machen

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Von Bernd Ulrich

Vor anderthalb Jahrhunderten sagte ein exzentrischer deutscher Philosoph: „Das Kapital ist ein scheues Reh.“ Wahrscheinlich würde sich Marx, der alte Rechthaber, nicht mal darüber wundern, dass mittlerweile der Mensch genauso scheu geworden ist wie das Kapital. Besonders der wählende Mensch.

Der Wähler ist heute für die Parteien kaum mehr berechenbar, er ist untreu, geschmäcklerisch, verwöhnt. Zurzeit läuft das scheue deutsche Wähler-Reh vor allem vor der SPD weg. Und wenn es damit nicht bald aufhört, dann endet der 22. September für die Sozialdemokratie in einem Debakel.

Dann würden auch die Genossen denken: Wir können es nicht. So weit sind sie noch nicht. Vorerst verstehen die regierenden Sozialdemokraten einfach den Wähler und die Welt nicht mehr. Dabei waren sie sich so sicher, mit ihren Reformleistungen, mit ihrem pragmatisch-charismatischen Kanzler die Wahlen gewinnen zu können. Und wer wollte ihnen dieses heimliche Kopfschütteln über den unheimlichen Wähler verdenken? Sie haben doch einiges geschafft an Reformen, obwohl sie das erste Jahr fürs Regierenüben verloren haben und binnen dreier Jahre zwei Kriege führen mussten.

Woher aber dieser Mangel an Motivation im eigenen sozialdemokratischen Laden? Zynismus und Apathie machen sich breit. Der neue DGB-Chef Sommer etwa hat jetzt mal eben kundgetan, dass er an einen Wahlsieg von Rot-Grün nicht glaube sowie mit einer Großen Koalition auch gut leben könne. Ja, hat denn dieser Mann keinen Mumm in den Knochen, fragt man sich bei der SPD.

Natürlich haben sich die Strategen im Kanzleramt ihre Rationalisierungen zurechtgelegt, dafür, dass ihre ungeheure Regierungsanstrengung nicht gewürdigt wird, ihre Wahlkampfstrategie nicht aufgeht: Stoiber tarne sich perfekt, die Arbeitslosigkeit sei zu hoch und es fehle ein Sinn-Gesang, der den vielen halbfertigen Reformen einen Zusammenhang verleiht. Nur, was sollen sie daraus schließen?

Gerhard Schröder hat es versäumt, die Sozialdemokratie neu zu definieren. Und man kann auch das verstehen. Die SPD hat sich in den 16 Jahren der Opposition mit ihren Ideologie-Diskursen beinahe selbst zerstört, da verzichtet man lieber ganz auf jedwede Metaphysik. Und nun, da der Hunger nach Metaphysik unüberhörbar wird, kann Schröder nicht einfach einen neuen Sinn aus der Tasche ziehen. Also bleiben nur zwei Alternativen: Entweder er singt das alte Lied neu. Das hört sich dann aber immer nach Lafontaine an und nach gestern. Seinem Rat zu folgen und Rentner und Arbeitnehmer in den Mittelpunkt zu rücken, hieße Regression. Es bedeutete, in einem Land, das an Besitzstand-Konservatismus leidet, Besitzstand-Konservatismus zu predigen. Das mobilisiert vielleicht den Geist, sicher aber den Ungeist der SPD.

Oder aber Schröder setzt auf Sinnersatz: auf sich und den Lagerwahlkampf, auf Personalisierung und Polarisierung. Lange Zeit sah es nicht so aus, als würde das verfangen, weil Stoiber sich nicht so zeigt, wie die SPD es gerne hätte. Doch dann hat die FDP gezeigt, dass sie nicht spaßt, sondern alle scheuen Wähler, die Rehe und die Wölfe, auch die Stinktiere und die Pfauen zu sich locken will. Damit rückt Rot-Grün zusammen, die FDP scheidet als Partner aus. Damit verbietet sich aber auch das Kokettieren mit einer Großen Koalition. Denn wenn die kommt, wäre, wie in unseren Nachbarländern, die Basis für einen rechtspopulistischen Erfolg gelegt. Es geht also nur noch: Rot-Grün oder Schwarz-Gelb. Diese Klarheit trägt vielleicht dazu bei, dass sich die Sozialdemokratie endlich konzentriert.

Zuletzt bleibt noch der eine Trumpf: Der Wähler ist scheu, nicht dumm. Er wird verstehen, dass es nicht möglich ist, Schwarz-Gelb zu wählen, aber Schröder-Fischer zu behalten. Noch ist das Rennen also offen. Marx würde sagen: Die Demoskopen haben den Wähler nur verschieden interpretiert. Es kommt darauf an, ihn zu verändern.

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