Sinnlose Diplomatie : Der Kongress tanzte nicht mal

G-8-Gipfel wie der in Heiligendamm gehören abgeschafft.

Alexander Gauland

Wie gut, dass er vorbei ist. Selten noch hat ein Gipfel so deutlich wie dieser das Sinnlose solcher Diplomatie demonstriert. Man stelle sich nur einmal vor, die Staatsmänner des viel geschmähten Wiener Kongresses wären im Jahre 1815 mit dem Versprechen auseinandergegangen, „ernsthaft in Betracht zu ziehen“, die Trümmer der napoleonischen Ordnung innerhalb der nächsten 43 Jahre wegzuräumen. Der Kongress wäre so wenig in die Geschichtsbücher gelangt wie nach ihm andere erfolgreiche Gipfel-Begegnungen, etwa der Berliner Kongress, Rapallo oder Locarno. Es ist einfach falsch, um der Fernsehbilder willen Begegnungen zu arrangieren, deren Ergebnisse kaum eine Botschafterkonferenz rechtfertigen. Und so wird auch dieser Gipfel, wie seine Vorgänger, spurlos aus dem historischen Gedächtnis verschwinden – in Reykjavik ging es noch um Raketen, in Genua gab es „nur“ einen Toten, und von Heiligendamm wird allein der Zaun in Erinnerung bleiben.

Und da sind wir beim „Gegenirrsinn“: Dass die mächtigsten Staatsmänner der Welt zusammenkommen, um nichts zu beschließen, ist schon schlimm genug, dass sie so geschützt werden müssen, als ob ein neuer Molotow-Ribbentrop-Pakt auf den Weg gebracht werden soll, hat wenig mit Angst vor demokratischer Öffentlichkeit, dafür viel mit unserer virtuellen Medienwelt zu tun. Da sie aus nichts ein Ereignis machen muss, lädt sie Gegner und Trittbrettfahrer dazu ein, um der Bilder willen gegen das Nichts zu protestieren. Und so entsteht der Eindruck von Masse und Inhalten, wo nur Spiel – vor und hinter dem Zaun – obwaltet.

Schuld an diesem Unsinn sind wir alle, solange die einen der Kanzlerin ihre Ergebnisse und die anderen den Protestierern die Ernsthaftigkeit abnehmen. Wenn wir – die Konsumenten dieses Theaterbetriebes – abschalten würden, solange die Verantwortlichen nichts beschließen, wogegen es sich zu protestieren lohnt, würden alle Seiten schnell wieder zu ernsthafter Arbeit zurückkehren – Verhandlungsergebnisse im Stillen, die Bush, Merkel und Sarkozy dann gern vor den Kameras erläutern können. Als Rathenau nach vielen Vorgesprächen in Rapallo erschien, war klar, dass er den Vertrag, der die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetmacht regeln sollte, unterschreiben würde, nach dem G-8-Gipfel ist mehr als unklar, ob die USA den Klimawandel nur als fixe Idee der Europäer oder als echtes Problem ansehen. Die nächsten 43 Jahre werden es weisen.

Als der Wiener Kongress auf der Stelle zu treten schien, prägte der greise Fürst von Ligne das Wort von dem Kongress, der tanzt, aber nicht vorankommt. Die Gipfelbegegnungen tun keines von beidem, zu wenig für so viel Aufwand.

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