Skandal Sarrazin? : Prüfen statt prügeln

Nein, politisch korrekt hat sich Berlins Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin nicht ausgedrückt in seinem so schnell skandalisierten Gespräch mit der in Berlin erscheinenden Kulturzeitschrift "Lettre international". Doch die Äußerungen, die sehr stammtischnah klingen, seien"empirisch" nachzuvollziehen, sagte Sarrzin.

Peter von Becker

Nun kursieren in den Medien allerlei anstößige Sätze, vor allem über die „unproduktiven“ Berliner „Unterschichten“, zu denen der jetzige Bundesbankvorstand Sarrazin neben Hartz-IV-Empfängern die Mehrzahl der angeblich integrationsunwilligen türkischen und arabischen Immigranten in der Hauptstadt zählt.

Das riecht nach starkem Tobak, und dieser ist naturgemäß braun. Auch Sarrazin meint, dass manche seiner Äußerungen „sehr stammtischnah“ klängen. Aber, so fügt er an, man könne, was er etwa über die Probleme der Berlin-spezifischen Integrationspolitik äußert, „empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen“. Nun sind auch empirische Befunde oft unterschiedlich interpretierbar, und der Ton macht die Musik, zumal bei empfindlichen Themen. Doch zur Wahrheit muss auch gesagt werden: Es wirkt ziemlich pornografisch, sich bei Sarrazin bloß auf möglicherweise pikante „Stellen“ zu stürzen – oder nur diese Stellen zu zitieren, ohne den ganzen Text zu kennen.

Tatsächlich wurde das Gespräch von „Lettre“-Chefredakteur Frank Berberich für eine hoch anregende Sonderausgabe mit dem sozioanalytischen Titel „Berlin auf der Couch – Autoren und Künstler zu 20 Jahren Mauerfall“ geführt; es umfasst schätzungsweise zwei normale Zeitungsseiten und ist weniger ein Interview als ein mündlicher Essay. Der eröffnet hoch über allen Stammtischen einen oft intelligent-brisanten, weit in die politische, wirtschaftliche und kulturelle Geschichte der Stadt eingreifenden Diskurs: als Bestandsaufnahme der Miseren wie auch Chancen Berlins gestern, heute und morgen.

Der Soziologe Max Weber hat in seinem berühmten Aufsatz „Politik als Beruf“ einst drei entscheidende Qualitäten für einen Politiker genannt: „Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß“. Thilo Sarrazin, dem es an leidenschaftlichem Verstand gewiss nicht fehlt, ist heute nicht mehr Berufspolitiker. Doch auch sein Job bei der Bundesbank ist keineswegs unpolitisch. Und selbst wenn er jetzt nur als Stadtbürger eine komplizierte und (doch wohl sadomasochistische) „Liebeserklärung“ an Berlin hätte abgeben wollen, selbst dann äußert sich hier kein Jedermann.

Augenmaß jedenfalls hat der von einer Golfplatzaffäre und seinen Sottisen über das angeblich so fett bestrichene Brot der Armen vorbelastete Banker auch jetzt nicht unbedingt gezeigt. Ist es doch peinlich, die Berliner Sparzwänge zu beschreiben und dann als Ex-Sparsenator sein damals zu niedriges Gehalt im Amt zu beklagen. Andererseits legt der Provokateur S. mit ätzender, gewiss nicht mitleidvoller, aber kenntnisreicher Schärfe den Finger in viele Wunden der Berliner Sozial- und Bildungspolitik. Und diese Anregung erscheint wichtiger als die Aufregung über ein paar polemische Zuspitzungen.

Man muss kein elitärer Ausländerfeind sein, um wie Sarrazin zu fragen, warum bestimmte Immigrantengruppen auch in der dritten Generation signifikant weniger sozial und ökonomisch integriert sind als andere. Wer gestaltende statt verwaltete Stadtbürger will und Einwanderung als Bereicherung statt Belastung eines Gemeinwesens wünscht, der sollte Sarrazin erst mal prüfen statt prügeln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben