Skandalösen Intermezzi : Schockierte Bildungsbürger in der Philharmonie

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In einem Konzertsaal sitzen fast immer ein oder zwei Schussel, die zur Unzeit, zwischen zwei Sätzen, donnernd applaudieren. Der Dirigent hat für ein paar Sekunden den Taktstock ruhen lassen, ehe er wieder zum Flug über die Partitur abhebt, und schon zerreißen irgendwo in der Tiefe des Saals zwei klatschende Hände die Stille.

Das ist ein wenig wie das Handy, das mitten in der Eucharistie klingelt, wie der knurrende Magen im Theater. Ein unpassendes Geräusch. Ein Skandal. Auf seinem Platz schämt man sich fremd. Man tut so, als würde man nichts hören. Man zuckt mit den Schultern, man murmelt ärgerlich: „Also bitte! Das ist erst der zweite Satz!“ Oder man zischt: „Psst!“ und macht damit alles noch schlimmer. Der Maestro hält mitten in der Bewegung inne und wartet darauf, dass sich wieder Ruhe über den Saal legt. Ich frage mich, was ihm in diesen Sekunden durch den Kopf geht.

Die Violinbögen hängen in der Luft. Die Hände des Pianisten schweben über den Tasten. Weiter hinten wagen die Trompeten und die Hörner nicht, die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen strömen zu lassen. Selbst Wolfgang Amadeus Mozart hält den Atem an. Man traut seinen Ohren nicht. Eine kurze Unterbrechung, und es geht wieder los. Als wenn nichts gewesen wäre.

Womöglich mache ich mir eine Menge Feinde, wenn ich zugebe, dass ich diese skandalösen Intermezzi mit einer gewissen Zärtlichkeit wahrnehme. Von der Seite lässt sich der schockierte, rot angelaufene Bildungsbürger beobachten. Denn hier zeigt sich nicht die Allgegenwart der Kommunikation (Handy in der Messe) oder die Unergründlichkeit des Körpers (Magengrummeln im Theater), sondern, viel schlimmer: Das Banausentum des Schuldigen! Sein völliger Mangel an musikalischer Schulung! Für den Herrn Rechtsanwalt und seine Gattin, die im Sonntagsstaat auf ihren Abonnementsplätzen thronen, bilden musikalische Früherziehung und vierhändig gespielte Weihnachtslieder am Heiligen Abend unverzichtbare Etappen eines makellosen gesellschaftlichen Parcours. Im Konzertsaal – das hatten sie jedenfalls geglaubt, bevor dieser unverschämte Mensch gegen die Regel verstieß –, ist man von kulturell hochstehenden Leuten umgeben! Man ist unter sich! Aber nein ... Ein Eindringling hat sich hereingeschlichen. Er ist im siebten Himmel und macht daraus kein Hehl.

Es ist eine Welle der Begeisterung, ein zustimmender Reflex aus dem tiefsten Inneren. Ein Ausbruch kindlicher Freude, die sich Bahn bricht, ohne die Takte zu zählen, ohne die Sätze zu nummerieren. Ein Freudenschrei. Da! Jetzt! Weil es so schön war, und bevor es wieder anfängt. Ich muss dem Orchester unbedingt zeigen, wie sehr mir sein Spiel gefallen hat.

Also applaudiere ich. Ich bin verzaubert, durch und durch. Gerade wie die Kinder, die die Szenen im halbdunklen Kasperletheater lautstark kommentieren. Ihr Schreien, ihr Beifall, ihr „Pass auf! Da kommt er! Hinter dir!“, um ihren Helden vor dem Polizisten mit dem Knüppel zu warnen. Und ihre Tränen, ihre Tränenströme im Dunkeln.

Keine Angst: Das ist kein Plädoyer für entfesselte Gefühlsausbrüche. Für Aufsässigkeit in der Philharmonie. Auch kein Appell für tobenden Applaus zwischen den Sätzen einer Symphonie. Ich will hier ja kein Hausverbot für diese wunderbare Institution riskieren! Aber man muss doch darauf hinweisen, dass ein spontaner Beifall nichts mit dem Hustenanfall, dem lauten Räuspern, den raschelnd umgeblätterten Seiten des Programmhefts, dem Flüstern mit den Sitznachbarn und anderen kleinen, schwer erträglichen Störungen zu tun hat. Ich glaube sogar, dass sich Mozart darüber gefreut hätte ...

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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