Meinung : Slowenien: Die Krankheit Krieg und Europas Therapie

Christoph von Marschall

Da reibt man sich die Augen. Der Bundeskanzler stattet Slowenien nicht nur einen Besuch am Nationalfeiertag ab - das allein wäre eine schöne Geste, das Land ist der aussichtsreichste Kandidat (neben Ungarn) für die erste Runde der EU-Erweiterung 2004. Doch Schröder ist auch Hauptredner bei der Kundgebung zum zehnten Jahrestag der Unabhängigkeit. Wirkt das nicht so, als halte er die Loslösung Sloweniens und Kroatiens von Jugoslawien am 25. Juni 1991 für richtig? So dachte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung. SPD und Grüne haben sie dafür oft genug kritisiert: Die "vorschnelle Anerkennung" durch Hans-Dietrich Genscher - ein halbes Jahr später, im Dezember 1991 - habe den Balkan endgültig in den Krieg gestürzt.

An diesem zehnten Jahrestag bestimmen vier Schauplätze auf dem Balkan die Schlagzeilen: Slowenien ist nur dank der Kanzlervisite darunter; es ist heute eine so gefestigte Demokratie, dass das Datum allenfalls eine historische Notiz rechtfertigte. In Belgrad ist die neue Regierung nun bereit, Slobodan Milosevic, den Hauptschuldigen an der Tragödie, der gleichwohl über Jahre der Nationalheld der Serben war, an das Kriegsverbrechertribunal auszuliefern. Mazedonien mahnt: Die Kriegsgefahr auf dem Balkan ist noch nicht gebannt. Und Albanien hat gewählt; dank der OSZE-Überwachung einigermaßen regulär, wenn man nicht etablierte Demokratien zum Maßstab nimmt, sondern die regionalen Gegebenheiten.

Auf der Intensivstation

Die vier Schlaglichter illustrieren, wie grundlegend die zehn Jahre die politische Karte verändert haben. Aber auch Europa ist an dieser Herausforderung gewachsen - bei allem Versagen - und vielleicht nur dank dieser Prüfung auf dem Weg zu internationaler Handlungsfähigkeit. Dabei hat kein westliches Land sein außen- und militärpolitisches Selbstverständnis stärker verändert als die Bundesrepublik, das nun wiedervereinigte Deutschland. Kampfeinsätze der Bundeswehr out of area - das wäre 1991 zwar denkbar, aber nicht machbar gewesen.

Der Balkan: Slowenien ist heute kerngesund, längst genesen vom wenige Tage drohenden Kriegsvirus. Panzer, die in der Hauptstadt parkende Autos zerquetschten, und in Brand geschossene Grenzhäuschen waren 1991 die Antwort der Jugoslawischen Volksarmee auf die Erklärung der Unabhängigkeit. Slowenien hatte das Glück, keine serbische Minderheit zu haben.

Anders in Kroatien, deshalb waren die Kämpfe brutaler: mit systematischen Vertreibungen, Vergewaltigungen. Schwerer als an den sieben, acht Monaten Krieg 1991/92 trägt das Land am nationalistischen Erbe des Operetten-Diktators Franjo Tudjman. Erst sein Tod 1999 öffnete die Tür zur Demokratie. Kroatien ist ein Patient, der der Pflege bedarf. Der Weg in EU und Nato ist vorgezeichnet, es wird aber dauern.

Prekärer ist die Lage in Serbien, der vom Potenzial her natürlichen Vormacht. Nach Milosevics Sturz ist das Land auf dem Weg vom Operationstisch in die Rekonvaleszenzabteilung für schwere Fälle; die Genesung kommt voran, siehe den Willen zur Auslieferung Milosevics und zur Kooperation mit dem Westen, aber viel Geduld ist nötig.

Krieg und Illusion

Noch auf der Intensivstation liegt Bosnien-Herzegowina: fünf Jahre nach dem Dayton-Frieden, der den drei Völkern - muslimischen Bosniaken, Serben und Kroaten - eine gemeinsame Staatsform aufzwang. Ohne die künstliche Überlebenshilfe von EU und Nato wäre bald Begräbnis. Das gilt auch für Kosovo zwei Jahre nach der Nato-Intervention gegen Milosevics Politik der Albaner-Vertreibung. Nun kommt Mazedonien unvermeidbar als drittes Protektorat hinzu. Europa wird noch auf Jahre gebraucht: zunächst als Brandwache, dann als großer Bruder, der mit sanftem Druck zu Demokratie, Minderheitenschutz und friedlichem Interessenausgleich führt - wie die USA in Westeuropa nach 1945. Slowenien, Kroatien, Serbien belegen: Es ist nicht aussichtslos.

Waren diese Kriege vermeidbar, hat die Anerkennungspolitik dem Zerfall Jugoslawiens Vorschub geleistet? Der Rückblick, die erlebte Wucht der nationalen Bewegungen auf dem Balkan in den letzten zehn Jahren, sie entlarven es doch als Illusion: dass Titos Reich sich mit viel gutem Zureden und milliardenschwerer Wirtschaftshilfe hätte am Leben erhalten lassen. Zumal das Selbstbestimmungsrecht nach den friedlichen Revolutionen von 1989 seinen Höhepunkt erlebte. Wenn etwas falsch gemacht wurde, dann dies: Der Westen, Amerika eingeschlossen, hat die Kräfte, die da am Werk waren, völlig unterschätzt, speziell das Zerstörungspotenzial eines Slobodan Milosevic. Man hätte viel früher militärisch eingreifen müssen, um das Morden zu stoppen. Das war 1991/92 politisch nicht möglich. Nicht für Europa jedenfalls.

Der Balkan ist die Intensivstation, in der Europa zu beweisen hat, ob es eines Tages eigenmächtig operieren kann - oder ein kleiner Assistenzarzt unter Aufsicht des amerikanischen Chefarztes bleibt. Deshalb kann sich Europa auch gar nicht aus Mazedonien heraushalten. Sonst wären die schmerzhaften Anstrengungen in Bosnien und Kosovo vergeblich gewesen. Aber Mazedonien ist ja auch der letzte Patient auf dem ex-jugoslawischen Operationstisch.

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