Meinung : So ein Parmalat

Was Italien lehrt: Bilanzkontrolleure brauchen scharfe Waffen gegen Betrüger

Dieter Fockenbrock

Die hoch bezahlten Börsenexperten und sachkundigen Wirtschaftsprüfer hätten nur die einfachen Bauern der Emilia Romagna fragen müssen. Dann wäre der größte Bilanzskandal Italiens schon im Sommer aufgeflogen. Der Lebensmittelkonzern Parmalat war seit Monaten bei seinen Milchlieferanten mit den Zahlungen in Verzug. Wer im August richtig nachgefragt hätte, hätte vielleicht sein Geld retten können – oder wenigstens einen Teil davon. Doch es fragte niemand, keine Bank, kein Bilanzprüfer, keine Aufsichtsbehörde. Bei Parmalat hat die Finanz- und Unternehmenskontrolle des Mittelmeerstaates komplett versagt.

Mit Parmalat hat auch das alte Europa seinen Enron-Skandal, warnt EU-Präsident Romano Prodi. Recht hat er. Zehn Milliarden Euro sind auf dubiose Weise verschwunden. Der Staatsanwalt muss ein äußerst fragwürdiges Finanzierung- und Beteiligungsgeflecht entwirren. Parmalat, so scheint es, war mehr auf den niederländischen Antillen und den Cayman-Inseln tätig als in der Milchwirtschaft Norditaliens. Hinter der sauberen Fassade eines Familienkonzerns verbirgt sich ein Gestrüpp aus Abschreibungsgesellschaften, Finanzierungstöchtern und Zwischenholdings. Die alle nur mit einem Ziel gegründet wurden: Steuern zu sparen und die Finanzlage zu verschleiern. Monate wird es dauern, bis halbwegs klar ist, warum aus dem vermeintlich solide finanzierten Unternehmen innerhalb weniger Tage eine Finanzruine wurde.

Romano Prodi hat aber auch maßlos übertrieben. Denn Parmalat wird keinen Erdrutsch an den europäischen Börsen auslösen. Parmalat wird keine anderen Unternehmen mit in die Tiefe reißen, weil bei denen nun auch Lug und Trug befürchtet werden muss. Da hatte Enron schon eine ganz andere Dimension. Der amerikanische Energiekonzern stürzte die Finanzwelt in Turbulenzen – und zwar über Monate. Wer ist der nächste, kann man den Wirtschaftsprüfern noch trauen, wo bleibt die sonst so scharfe Börsenaufsicht? Wenn in den Vereinigten Staaten die Firmenkontrolle in so eklatanter Weise wie bei Enron versagt, sind Zweifel an der Zuverlässigkeit und Solidität des US-Systems angebracht – mit weit reichenden Folgen für die Weltwirtschaft.

So ließe sich der Fall Parmalat als italienische Episode ohne nachhaltige Wirkung auf Europa buchen. Aber Vorsicht! Finanzakrobaten nach Parmalat-Muster gibt es auch in Deutschland. Mit dreistem Pfusch und raffinierten Tricks hatten Manager des Filmrechtehändlers EM.TV oder der Softwareschmiede Comroad die Öffentlichkeit hinters Licht geführt. Und auch in Deutschland haben die Bilanzprüfer nichts bemerkt. Nur waren die Beträge im Vergleich zu Parmalat bescheidener, die Methoden nicht ganz so spektakulär. Betrug war es trotzdem.

Wie schwer es aber ist, den Tricksern mit dem Zivil- oder Strafrecht beizukommen, das zeigen die wenigen Fälle, die letztlich vor Gericht landen. Betrug zu entdecken und Betrüger zur Verantwortung zu ziehen, ist eben zweierlei. Die Pläne der deutschen Regierung, eine Art Bilanzpolizei zu installieren, sind deshalb der richtige Weg. Doch die künftigen Kontrolleure müssen auch hart durchgreifen können, sonst spielen sie nur den Papiertiger. Polizeigewalt will die Regierung ihren Bilanzprüfern aber nicht zugestehen. Noch nicht. Das wird sich ändern, wenn Parmalat auch einen deutschen Namen bekommt.

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