Meinung : So kann es weiter gehen

Die Hoffnung auf einen Nahost-Frieden wurde oft enttäuscht, diesmal vielleicht nicht

Christoph von Marschall

Es tut sich was im Nahen Osten. Israel zieht seine Truppen aus Bethlehem ab, wie zuvor aus Gaza-Stadt. Palästinensische Sicherheitskräfte übernehmen die Verantwortung für die Ordnung, auch für den Kampf gegen Terror. Regierungschef Ariel Scharon und der palästinensische Premier Mahmud Abbas haben sich bereits zum vierten Mal in sechs Wochen getroffen. Die Terrorgruppen haben eine mehrmonatige Waffenruhe versprochen. Und nun sagt Scharon, die Hoffnung auf Frieden sei größer als je zuvor.

Ist das nicht reichlich übertrieben? Israelis und Palästinenser waren doch schon viel weiter: vor der zweiten Intifada zum Beispiel, in deren Verlauf Israel wieder flächendeckend Autonomiegebiete besetzte – weshalb man jetzt jeden Teilabzug als Erfolg feiern kann. Und ganz gewiss im Juli 2000 in Camp David, als dank Bill Clintons Vermittlung ein umfassendes Friedenspaket auf dem Tisch lag.

Und doch könnte Scharon Recht behalten. Dass die beiden Völker schon näher dran waren am Zustand gewaltfreier Koexistenz – mit zwei Staaten, die sich gegenseitig anerkennen und von denen jeder auf seine Weise Jerusalem Hauptstadt nennen darf – hat ihnen wenig genützt. Die Friedensansätze scheiterten am Ende: am Starrsinn ihrer Führer, am Widerstand der Terrorgruppen, die Hilfe aus dem Ausland erhielten, an der Schwierigkeit, Mehrheiten im eigenen Volk für die schmerzlichen Kompromisse zu organisieren, auch am fehlenden Druck Amerikas.

Was solche Hindernisse betrifft, sieht die Lage jetzt in der Tat besser aus. Jassir Arafats Monopol, für die Palästinenser zu sprechen, ist gebrochen; Mahmud Abbas ist kein ewiger Revolutionär, er wird nicht nur um Vertragslösungen kämpfen, sondern auch unterschreiben. Terrorgruppen wie Hamas und Islamischer Dschihad können nicht mehr so leicht auf Nachschub aus Syrien oder Iran rechnen. Beide Regime sind nach dem Irakkrieg bedacht, die USA nicht zu reizen. Und beiden Völkern haben Intifada, Besatzung und Terror vor Augen geführt, dass sie mit Gewalt nichts erreichen. Selbst mit Selbstmordanschlägen können die Extremisten weder die Israelis ins Meer treiben noch den Palästinenserstaat herbeibomben. Ebenso lässt sich Sicherheit für Israels Bürger auch mit noch so viel Repression nicht erzwingen.

Und die Risiken? Die türmen sich noch immer so hoch auf, dass sie einem den Blick auf die Hoffnung verstellen. Premier Abbas hat nicht genug Macht und verlässliche Polizisten, um die Terrorgruppen in den Griff zu kriegen. Ist Israel wirklich bereit, das Wagnis einzugehen, dass Hamas und Dschihad die Waffenruhe zur Reorganisation nutzen, bereit auch, Rückschläge auszuhalten, ohne mit Militärinterventionen zu reagieren? Findet sich Arafat mit seiner reduzierten Rolle ab oder stört er mit seinen Al-Aqsa-Brigaden demnächst die Annäherung, um sich selbst wieder ins Spiel zu bringen? Und hält Präsident Bush sein Engagement durch, obwohl der beginnende Wahlkampf und der Irak ihm volle Aufmerksamkeit abverlangen?

Alles hängt davon ab, dass beide Völker jetzt die Erfahrung machen: Es lohnt sich, den Weg der Road Map zum Frieden zu gehen. Der Abzug mag die Israelis viel Überwindung kosten, für die Palästinenser ist es nicht Anreiz genug, die Extremisten selbst kontrollieren zu dürfen – zu müssen. Sie brauchen Jobs, Verdienstmöglichkeiten, Bewegungsfreiheit. Für die Israelis sind ein paar Wochen ohne Anschläge ein Gewinn. Überzeugen kann Premier Abbas sie nur, wenn er den Kampf gegen die Extremisten aufnimmt.

Ja, die Friedensaussichten sind besser als zuvor. Aber noch lange nicht gut.

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