Meinung : So ratlos wie wütend

Zum Beschneidungsurteil

Die Bundeskanzlerin fürchtet, wir könnten uns zur „Komikernation“ machen, wenn Deutschland das einzige Land der Welt sei, in dem Juden nicht ihre Riten ausüben könnten. Wenn man das Urteil der 1. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Köln vom 7. Mai liest, findet man dort nichts von der jüdischen Beschneidung, geschweige denn von „Riten“, deren Ausübung den Juden untersagt sein könnte. Es ging ausschließlich um die Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen.

Bei den Muslimen ist die Beschneidung nicht im Koran vorgeschrieben, sondern in der Sunna, den Worten und Taten des Propheten Mohammed, die zusammen mit dem Heiligen Buch die Grundlage des Islam bilden. Die Beschneidung steht in einer Äußerung Mohammeds neben dem „Abrasieren der Schamhaare“, dem „Kurzschneiden des Schnurrbarts“, dem „Schneiden der Nägel“ und dem „Auszupfen der Achselhaare“ und wird bis zum zwölften Lebensjahr eines Jungen durchgeführt. Sie könnte also durchaus einen anderen religiösen Stellenwert haben als die Beschneidung eines jüdischen Jungen an dessen achtem Lebenstag, die ein Symbol für den Bund Gottes mit dem Volk Israel ist. Bei wem sie unterbleibt, „des Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, darum dass er meinen Bund unterlassen hat“ (1. Mose 17, 14).

Wie ein Gericht diese Beschneidung bewerten würde, ist auch nach dem Kölner Urteil völlig offen. Die Äußerung der Kanzlerin mutet daher ebenso seltsam an wie die Verlautbarung der Konferenz Europäischer Rabbiner, die das Urteil als den schwersten Angriff auf das jüdische Leben in Deutschland seit dem Holocaust bewertet hat.

Rainer Grell,

Leitender Ministerialrat a. D.,

Stuttgart

Ich nehme die Sorgen unserer jüdischen Mitbürger sehr ernst, ja verstehe ihre Bedenken betreff des Urteils des Landgerichts Köln.

Doch dies in Verbindung, ja in eine Reihe mit dem Holocaust zu setzen, macht mich ausgesprochen traurig, aber ebenso ratlos wie wütend.

Denn jeder Stolperstein in der Stierstraße zeichnet auf, welches furchtbare Schicksal hinter den nunmehr ihren Namen zurückgegebenen jüdischen Mitbürgern lag. Ich fühle mich der Scham verpflichtet, möchte aber auch in guter Nachbarschaft und Normalität zum blühenden jüdischen Leben in Berlin sein.

Ernst Karbe, Berlin-Friedenau

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