Meinung : Sogar im Fernsehen

-

Von Dieter Saldecki

WO IST GOTT?

Vermutlich genau da nicht, wo viele ihn gern hätten – in Kirchen, Moscheen, Tempeln oder anderen Traumfabriken. Denn er lässt sich nicht so gerne einsperren. Weder als GottVater, Gott-Mutter, noch als Jahwe, Allah oder Buddha – und schon gar nicht als „Heiliger Geist“. Gott ereignet sich!

So wie im Hebräischen, der Sprache des Alten Testamentes, verschiedene Stufen der Vergangenheit und Zukunft in einem sprachlich unfassbaren glücklichen oder unglücklichen Augenblick – nämlich der Gegenwart – zusammen treffen. Das geschieht weniger bei Weltereignissen, meist ganz persönlich, manchmal sogar im Fernsehen.

In der Nacht, bevor wir mit etwa einer Million Menschen in Köln auf der Domplatte den 25. Geburtstag der „Maus“ feierten, starb in Düsseldorf ein schwerbehindertes Mädchen: Katharina. Sie war ein Fan.

Von ihrem Tod erfuhr ich ein halbes Jahr später, als ihre Großmutter einen Brief schrieb. Dabei lag ein Foto mit der toten Katharina im Sarg, ein Stofftier, die „Maus“, im Arm. Wir schrieben zurück – nach langem Zögern und Nachdenken – und erhielten nach vielen Gesprächen die Erlaubnis der Eltern, Katharinas Leben zu erzählen. Übrigens nur, weil sie sich schon immer gewünscht hatte, dass die „Maus“ sie besucht.

Als wir anfingen, dachten wir, wir müssten vom Tod erzählen. Entstanden ist eine Geschichte vom Wert des Lebens und die erste Halb-Stunden-„Maus“, die einem einzigen Menschen gewidmet wurde. Katharina zog alle in ihren Bann, Lehrer, Ärzte, Pfarrer, Fernsehleute, und nicht zuletzt unsere behinderten und nicht behinderten großen und kleinen Zuschauer. Sogar die „heilige“ ARD gab Katharina in Gestalt ihres Programmdirektors Dr.Struve drei Minuten des „Presseclubs“ dazu.

Bei einem Besuch im Kloster Maria Laach erzählte mir ein Mönch mit Blick auf das große Kirchenfenster, Heilige seien für ihn Menschen, durch die die Sonne scheint. Und wenn ich heute vor einem scheinbar unlösbaren Problem stehe, dann sehe ich plötzlich Katharina vor mir, mit ihren wundervollen großen Augen und ihrem unbeugsamen Willen. Und dann lächele ich über meine „Relativität des Seins“.

Gott ereignet sich! Mitunter im Tod – und manchmal sogar im Fernsehen. Vermutlich auch, wenn George W. Bush auf die Idee käme, dass die Welt nicht mit Waffen vom Terrorismus zu befreien ist. Oder zwei Politiker sich an der Grenze von Nord- und Südkorea nicht nur die Hände schütteln, sondern reichen würden.

Gott ereignet sich! Wenn Kinder in unserem Land wirklich ernst genommen würden, nicht nur in den vier Wochen nach einem Amoklauf in Erfurt oder einer Geiselnahme in Waiblingen. Oder… oder… oder… Wir müssten „ihm“ nur eine Chance geben. In diesem Sinne – „göttliche Zeiten“.

Der Autor ist Gründer des ARD-Morgenmagazins, ehemaliger Leiter des WDR-Kinderprogramms, Chefdramaturg bei „Schloss Einstein“ und studierte Theologie.

Die Kolumnen des ersten Jahres liegen jetzt als Buch vor: „Wo ist ER?“, 52 Antworten auf die Frage „Wo ist Gott?“; Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, Berlin; 6 Euro 90. ISBN 3-7461-0173-5.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben