• Soll Alfred Grosser zum 9. November in der Paulskirche reden?: Gelehrt, geachtet, ahnungslos

Soll Alfred Grosser zum 9. November in der Paulskirche reden? : Gelehrt, geachtet, ahnungslos

Das ist ein in Deutschland beliebtes Spiel: Juden gegen Juden. Juden als Ankläger und Richter über Juden. Wer sich nicht traut, Kritik an Juden oder Israel zu üben, holt sich „(s)einen“ Juden als Stellvertreter.

Michael Wolffsohn
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Jüngstes Beispiel: Die Stadt Frankfurt lässt am 9. November in der Paulskirche zum Gedenken an die „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938 Alfred Grosser sprechen.

Auf den ersten Blick denkt man: eine großartige Idee. Der geachtete Politikwissenschaftler und Publizist wurde 1925 als Spross einer jüdischen Familie in Frankfurt geboren, wo er die ersten Schuljahre verbrachte und den Alltags-Antisemitismus erlebte. 1933 floh seine Familie nach Frankreich, und seit den 1960er Jahren wurde Grosser einer der bedeutendsten deutsch-französischen Brückenbauer. Eine verdiente Auszeichnung folgte der anderen. Grosser ist also ein höchst ehrenwerter Mann. Höchst ehrenwert, und er weiß, was Antisemitismus ist und wohin er führt.

Doch Alfred Grosser hat ein Problem: sein Judentum, von dem er sich Lichtjahre entfernt hat. Das ist sein gutes Recht und eigentlich völlig uninteressant. Doch für Grosser wurden seine jüdischen Wurzeln zunehmend eine Obsession. Seine kosmische Entfernung zu allem Jüdischen zu betonen, ist ihm in den letzten Jahren ein, nein, sein Anliegen schlechthin geworden. Nicht „Jude“ sei er, sondern „jüdischer Herkunft“. Das Signal ist klar: Ich will nicht zu „denen“, den Juden, gehören.

Ein Mittel dazu ist seine zunehmend maßlose Israel- und Judenschelte. Wenn man Grosser liest und hört, denkt man, er spräche über Nordkorea oder den Iran, aber nicht über Israel, das bekanntlich (zu Recht oder nicht) auch in deutschen Medien kritisiert wird – was Grosser bestreitet. Grosser ist ein wirklicher Deutschland- und Frankreich-Experte, aber von Israel und Nahost versteht er so viel wie der Kleine Moritz. Als Rechtfertigung dient ihm dabei seine „jüdische Herkunft“, die er dafür – nun doch – gerne instrumentalisiert. Als Legitimierung seiner fachlichen Qualifizierung ist das ein denkbar wackeliges Fundament. Grossers blindwütige und wenig informierte Israel- und Judenschelte passt so ganz und gar nicht zu seiner Klugheit und Ausgewogenheit, die man bei diesem deutsch-französischen Versöhner stets kannte und schätzte.

Die von ihm kritisierten Juden und Israelis reagieren und wehren sich. Das gehört zu dem Grundregeln der Demokratie. Austeilen und einstecken. Austeilen möchte Grosser, doch nicht einstecken. Gegenkritik ist für ihn so etwas wie Majestätsbeleidigung. Er fühlt sich als Opfer (vor allem jüdischer Politik und Publizistik) und wird „judenpublizistisch“ immer aggressiver. Diese lebensherbstliche Selbst-Demontage der deutsch-französischen Ikone ist beklagenswert und peinlich.

Ins Rathaus zu Frankfurt am Main haben sich offenbar Schildbürger eingeschlichen. Wie sonst kann man erklären, dass die Stadt ausgerechnet Grosser als Redner einer Gedenkfeier eingeladen hat, die an jüdische Opfer und an den Beginn der millionenfachen Judenermordung („Holocaust“) erinnert. Taktgefühl? Fehlanzeige.

Prompt fordert Stephan Kramer, der Dauer-Lautsprecher des Zentralrats der Juden, die Ausladung Grossers. Kramer spricht meist schneller als er denkt, doch hier denkt der kluge und maßvolle Salomon Korn, Zentralratsvize, ähnlich, auch der abwägende (nichtjüdische) Journalist Richard Herzinger in der „Welt“ und – berechtigt heftiger – Henryk Broder.

Die Peinlichkeit der Einladung indes würde durch die Peinlichkeit der Ausladung noch peinlicher. Vor allem aber: Zur Rede-, Denk- und Meinungsfreiheit gehört auch die Freiheit der Selbstblamage, der Geschmack- und Ahnungslosigkeit – auch wenn diese von Professoren verbreitet wird.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

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