Meinung : Soll der Staat den Sport vor Doping schützen?

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Der Sport ist für unsere Gesellschaft nicht nur ein förderungswürdiges Kulturgut, er ist auch ein schützenswertes Gut. So haben es die Väter des Grundgesetzes gewollt und sie haben für den Staat und seinen Partner Sport eine subsidiäre Beziehung verlangt, die beide Partner zu leben haben. Dem Sport sollte dabei durch staatliche Maßnahmen immer nur dann geholfen werden, wenn er aus sich selbst heraus keine tragfähigen Lösungen in Bezug auf die ihn bedrängenden Probleme schaffen kann. Dieses Prinzip hat sich in den vergangenen 50 Jahren auf vielen Gebieten bestens bewährt.

Bei einem Schlüsselproblem des modernen Sports hat es jedoch leider bis heute keine angemessene Anwendung gefunden. Wer im Sport mittels Doping seinen Konkurrenten betrügt, der gefährdet nicht nur seine eigene Gesundheit, er stellt vor allem die ethisch-moralische Grundlage des Sports, das Prinzip des Fairplay in Frage und gefährdet dessen Bedeutung für eine ganzheitliche Erziehung und Bildung. Er gefährdet das Kulturgut Sport in seiner Substanz. Darüber hinaus begeht der Betrüger ein Wirtschaftsdelikt, das in einem Hochleistungssport, der ganz wesentlich von Preis- und Antrittsgeldern, Erfolgsprämien und Belohnungssystemen geprägt ist, ökonomisch von erheblicher Reichweite ist. Einem sich selbst als autonom bezeichnenden Sport obliegt es dabei, sich innerhalb seiner Sportarten Regeln zu geben, diese zu überwachen und bei den Verstößen dafür zu sorgen, dass die notwendigen Sanktionen durchgesetzt werden.

Dem Regelsystem der Sportverbände sind vor allem die Athleten und Athletinnen unterworfen. Alle weiteren Personen, die sich heute am System des Dopingbetruges beteiligen, können mit dem Regelsystem des Sports und mit dessen Sportgerichtsbarkeit nicht erfasst werden. In der geforderten subsidiären Beziehung ist es deshalb Aufgabe des Staates, dem Sport die längst dringend notwendige Hilfe zu gewähren. Dank des Gewaltmonopols des Staates darf dieser polizeiliche Ermittlungen durchführen, kann bei entsprechendem Nachweis Dealer, Trainer, Betreuer, Manager, Funktionäre, Mediziner, Pharmakologen und all das sonst noch denkbare wissenschaftliche und nicht wissenschaftliche Personal jenen gerechten Strafen zuführen, die angesichts der umfassenden Reichweite des Dopingbetruges erforderlich sind.

Will man dem Dopingbetrug in aller Entschiedenheit begegnen, so sind also beide Seiten gefordert. Der Sport mit seiner eigenen Sportgerichtsbarkeit, der Staat mit einem tragfähigen Gesetz, mit aktiven ausführenden Vollzugsstrukturen und mit einem erforderlichen Ermittlungspersonal, das die Durchsetzung dieses Gesetzes wahrscheinlich macht.

Wir haben in Deutschland kein Gesetzes-, sondern ein Vollzugsdefizit. Hätten wir – ähnlich wie in Spanien – einen Anfangsverdacht eines Dopingnetzwerkes, so wäre die Staatsanwaltschaft auch bei uns berechtigt, dies aufzuklären – problemlos per Arzneimittelgesetz, wie der Fall Springstein zeigt. Dieser Paragraf könnte mit wenig Mühe dahingehend verschärft werden, dass gewerbsmäßiger oder bandenmäßiger Handel mit Arzneimitteln zu Dopingzwecken besonders schwer wiegt und härter bestraft wird.

Ein Straftatbestand „Doping“ kriminalisiert die Aktiven, ohne im Vergleich zu den von den Sportfachverbänden verhängten Sperren eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Die schlimmste und wirksamste Strafe für einen Sportler bleibt der Ausschluss von Sportveranstaltungen mit dem damit zusammenhängenden Verlust an Prestige oder Sponsorengeldern. Problematisch ist auch die „doppelte“ Verfolgung der Sportler bei einem neuen Straftatbestand.

Der Staat sollte lieber auf der Grundlage bestehender Gesetze und Vorschriften bessere Umsetzungsmöglichkeiten zur Dopingbekämpfung schaffen. Dazu reicht ein Artikelgesetz – eine Präzisierung und Verschärfung dieser Gesetze – völlig aus. Die vermeintlichen Paradebeispiele Spanien und Italien – wo angeblich ein vorbildliches Antidopinggesetz Wunder wirkt – zeigen etwas anderes: in Spanien erfolgten die Durchsuchungen auf Grundlage eines allgemeinen Gesundheitsgesetzes (dort ist nämlich ein Antidopinggesetz erst geplant) und in Italien kam es noch zu keiner einzigen Verurteilung in letzter Instanz. Auch bei uns sollte es grundsätzlich kein Interesse an langjährigen juristischen Auseinandersetzungen anstelle sofort zu vollziehender Entscheidungen der Sportgerichte geben.

In diesem Rahmen ist die Einführung von Schwerpunktstaatsanwaltschaften ein möglicher Weg. Kritisch zu hinterfragen sind dabei die Probleme der Kronzeugenregelung und der Strafbarkeit des Besitzes von Dopingmitteln. Ein mit heißer Nadel gestricktes Anti-Doping-Gesetz (in Bayern) wirft mehr Probleme auf, als es löst.

Die Probleme sind anderer Natur. Die Dopinganalytik wird immer genauer. In Deutschland verfügen wir bereits heute über ein erfolgreiches Kontrollsystem. Das hat aber seine Kosten. Die Nationale Dopingagentur und verschiedene Institute leisten vorbildliche Arbeit, bei der sie bisher noch nicht hinreichend genug unterstützt werden. Die wichtigsten Dopingkontrollen sind unangekündigte Trainingskontrollen. Wir müssen ihre Anzahl deutlich erhöhen. Die Bundesregierung sollte zudem die Mittel für Dopinganalytik und Dopingkontrollen im Haushalt aufstocken. Dabei ist es wichtig, keinen unnötigen Verwaltungsapparat aufzubauen, der für die Dopinganalytik notwendige Mittel verschlingt.

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