Meinung : Sollte der Totensonntag als Feiertag erhalten bleiben?

Zum Zwischenruf „Totengedenken“

vom 20. November

Der Zwischenruf hat mich ziemlich erschüttert. Ich finde auch, dass die evangelische Kirche mit der Umbenennung des Totensonntags in Ewigkeitssonntag sich unglücklich politisch korrekt verhalten hat, um nicht das Kind beim Namen nennen zu müssen.

Was spricht gegen einen Totensonntag? Natürlich kann jeder seiner Toten gedenken wann er will, und wird es auch tun. Aber eine Gemeinschaft, hier die deutsche Gesellschaft, wird weitgehend durch gemeinsame Rituale zusammengehalten. Was wäre, wenn jeder sein Weihnachten feiern wollte, wann es ihm passt? Der Totensonntag ist so ein gesellschaftliches Ritual. Es ist total das falsche Signal, zu meinen „wem die Ewigkeit, das Leben nach dem Tod, keine Option ist, der geht dem Tod lieber aus dem Weg“. Nein hinschauen sollten wir, ihn eingliedern in unser Leben und so wird der Tod auch einen Teil seines Schreckens verlieren.

Zum Glück gibt es noch den Totensonntag, denn sonst würden all die „Ursula Weidenfelds“ schon acht Tage früher auf den Weihnachtsmarkt gehen. Weihnachtsmärkte sollten mit dem 1. Advent beginnen und keinen Tag früher. Auch das gehört zu den Ritualen.

Der Totensonntag sollte auf jeden Fall erhalten bleiben. Und wenn es nur wäre, um dem Kommerz ein Schnippchen zu schlagen.

Ingrid Schulze, Berlin-Zehlendorf

Sehr geehrte Frau Schulze,

herzlichen Dank für Ihren Leserbrief und für Ihre Kritik zum Totensonntag. Ich bin sehr beeindruckt von Ihrer Meinung und von den vielen anderen Verteidigungsschriften für den Totensonntag. Ich respektiere Ihre Auffassung sehr – und persönlich teile ich sie. Wie Sie empfinde ich es als Niederlage für eine Gesellschaft, wenn ihr die Bindemittel verloren gehen, und eins dieser Bindemittel sind gemeinsame Feiertage.

Dennoch komme ich für den Totensonntag zu einem anderen Schluss.

1. Gemeinsame Rituale. Eine Gesellschaft braucht Rituale. Aber gehört der Totensonntag noch dazu? Mein Eindruck ist, dass mindestens in den besonders stark säkularisierten Regionen in Nord-Ostdeutschland dieses Ritual schon lange nicht mehr lebt. Wir haben doch schon beim Buß- und Bettag gesehen, was nach der Verbannung aus dem Festtagskalender passierte: Die These, hier gehe es um ein eingeübtes gemeinschaftliches Ritual der Besinnung, brach innerhalb eines Jahres zusammen. Der Buß- und Bettag war auch vorher kein echter Feiertag mehr. Er war eine Hülle. Mein Verdacht ist, dass das mit dem Totensonntag ähnlich ist.

2. Weihnachtsmarkt: Den meisten klugen Menschen ist der Weihnachtsrummel suspekt. Sie haben Recht. Doch haben sie auch dann Recht, wenn sie die Nase rümpfen über Leute, die gerne zum Weihnachtsmarkt gehen? Ist es richtig, sich über die zu erheben, denen Geschenke wichtig sind? Ich finde das falsch. Weihnachten ist doch auch für diejenigen, die nicht an die Geburt Christi glauben, ein Ritual – im Unterschied zum Totensonntag sogar ein sehr gern gepflegtes. Wie man das für sich mit Sinn füllt, wenn man die Geschichte von Bethlehem nicht glaubt, ist offen. Die Antwort für viele aber ist: Mit vorweihnachtlichen Besuchen auf dem Weihnachtsmarkt, mit Geschenken, und gutem Essen in der Familie. Christen mag das ein bisschen dürftig vorkommen. Doch dieses Verständnis steht längst gleichberechtigt neben dem christlichen Weihnachtsfest.

3. Der Umgang mit Tod und Sterben: Das ist für mich der wichtigste Punkt Ihres Briefs, weil er einen sehr wunden Punkt unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses berührt. Eine Welt, der alles machbar, bestimmbar und berechenbar erscheint, versucht auch den Tod dieser Logik unterzuordnen. In den vergangenen Jahren nehmen anonyme Bestattungsformen stark zu, die Diskussionen über Sterbehilfe und selbstbestimmten Tod haben das Sterben erkennbar in die Sphäre des Machbaren und Gestaltbaren gerückt. Der öffentliche Diskurs hat nur noch wenig damit zu tun, dass man die eigene Endlichkeit als Schicksal akzeptiert und – wenn man das glaubt – mit der Hoffnung auf Auferstehung in die Hände eines Schöpfers legt. Das ist kein fröhlicher Befund, und Mut macht er auch nicht.

Für diejenigen, die den Totensonntag feiern, ist das sicher anders. Doch was würden sie verlieren, wenn man den Totensonntag denen überließe, denen er tatsächlich wichtig ist? Ich glaube nicht, dass man etwas am Umgang mit dem Sterben, dem Tod und dem Gedenken ändert, wenn man die Augen vor der gesellschaftlichen Realität verschließt. Das soll keine Kapitulation sein – ganz sicher aber die Bitte um eine Auseinandersetzung, die auf moralische Hierarchien verzichtet. Wer Probleme mit dem Totengedenken und der Ewigkeit hat, oder wer auch nur gern zum Weihnachtsmarkt geht, muss kein schlechterer Mensch sein, als der, der den letzten Sonntag im Kirchenjahr als Totensonntag feiert.

— Dr. Ursula Weidenfeld ist Journalistin und lebt in Potsdam.

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