Somalia : Geschäftsmodell Piraterie

Auch wenn viele Fragen noch ungeklärt sind: Die Bundeswehr muss helfen, Piraten am Horn von Afrika das Handwerk zu legen. Das eigentliche Problem liegt aber in Somalia, wo die Islamisierung dramatisch voranschreitet.

Ein Kommentar von Moritz Schuller

Die somalischen Fischer blicken vermutlich gerade auf die gekaperte „Sirius Star“ und fragen sich, warum sie noch immer fischen und nicht längst Piraten geworden sind. Das Geschäftsmodell funktioniert schließlich besser: „Die Piraten heiraten die schönsten Frauen, sie haben große Häuser und neue Autos“, sagt Abdi Farah Juha aus dem somalischen Puntland.

Die Region ist die Schatzinsel Ostafrikas. Noch nie ist es den Piraten am Horn von Afrika gelungen, ein so wertvolles Schiff zu kapern. Vermutlich werden sie für den Supertanker, der Rohöl im Wert von 100 Millionen Dollar an Bord hat, ein Rekordlösegeld fordern – und erhalten.

Dass die EU noch in diesem Jahr mit der „Operation Atalanta“ Kriegsschiffe unter europäischer Flagge gegen die Piraten einsetzen will, ist deshalb ein richtiger Schritt. Dass über die deutsche Beteiligung an der Mission vor der Küste Somalias erst im Dezember entschieden wird, liegt am Streit zwischen den unterschiedlichen Ministerien: Deutschen Soldaten verbietet das Grundgesetz die Festnahme von Verbrechern, für deutsche Polizisten bestünde ebenfalls keine Rechtsgrundlage. Ungeklärt ist zudem, was mit Gefangenen geschehen soll. Derzeit kontrolliert die deutsche Marine zwar die Seewege vor Ostafrika, verfügt aber über kein Mandat zur Bekämpfung der Seeräuber.

Der militärische Kampf gegen die Piraten ist ein notwendiger Schritt, um die internationalen Handelsrouten zu sichern. Nicht zuletzt auch, weil es sich dabei um eine EU-Mission handelt, sollten sich die Deutschen daran aktiv beteiligen. Doch der Kampfplatz, um den es in Wahrheit geht, wird auf diese Weise kaum verschwinden: Somalia. Das Land ist ein „failed state“, eine unregierbar gewordene geografische Einheit. Eine funktionierende Küstenwache ist in einem Land, das sich seit 1991 im Bürgerkrieg befindet, offenbar nicht weit oben auf der politischen Prioritätenliste zu finden.

Inzwischen kontrollieren die Islamisten, die Anfang 2007 aus der Hauptstadt Mogadischu vertrieben worden waren, wieder einen Großteil des Landes. Im vergangenen Monat war ein 13-jähriges Mädchen wegen Ehebruchs gesteinigt worden, nachdem sie erklärt hatte, vergewaltigt worden zu sein. Die Afghanisierung des ostafrikanischen Landes schreitet dramatisch voran.

Der Versuch, die Piraten ausschließlich durch eine militärische Absicherung der Seewege zu bezwingen, wird scheitern, solange deren Geschäftsmodell funktioniert. Wenn Piraten in Somalia die größeren Autos fahren als Fischer, weil immer wieder Lösegeldzahlungen geleistet werden, wird das Problem nicht verschwinden. Hier sollte die EU politischen Druck auf die Reedereien ausüben, sich nicht erpressen zu lassen.

Es wäre naiv anzunehmen, dass die Piraten das Hauptproblem am Horn von Afrika wären. Irgendwann wird sich auch die EU mit der Lage im Land beschäftigen müssen – bevor in Somalia das ideologische Geschäftsmodell Islamismus die Fischer begeistert.

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