Meinung : Sonntags Schäuble: Mit Begriffen wie Keulen

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied

In meiner Schulzeit hatte ich einen Mitschüler, der Fragen oft mit dem Hinweis beantwortete: "Das verstehst du nicht, das verstehe ich selbst kaum." An den erinnert mich die mit Ingrimm geführte Debatte um den Begriff Leitkultur. Müssen wir wirklich um Begriffe streiten, wenn wir uns in der Sache einig sind? Oder wäre es nicht besser, wir sagen in der Sache klar, was wir meinen, als dass wir in immer höheren Abstraktionsgraden Begriffe wie Keulen schwingen?

Deutschland ist ein offenes, tolerantes Land. Und wer einigermaßen klar bei Verstand ist, kann nichts anderes wollen, als dass dies so bleibt und wo immer nötig und möglich noch besser wird. Das entspricht unserem Verständnis von Menschenwürde und Menschenrechten, unserer Lage in Europa, unseren Erfahrungen gerade im 20. Jahrhundert, und es entspricht der modernen Zeit, in der Grenzen weniger trennen und Entfernungen schrumpfen. Mauern haben wir genügend gehabt. Austausch ist Bereicherung.

Auf der anderen Seite geht die Globalisierung mit einem wachsenden Trend zur Regionalisierung einher. In einer entgrenzten Welt wird also das Bedürfnis nach Nähe und Vertrautheit wichtiger. Heimat ist gar nicht so altmodisch. Offenheit und Nähe miteinander zu verbinden, das heißt Integration. Übrigens finden Austausch, Bereicherung ja auch nur statt, wenn die Menschen zusammen und miteinander leben. Das wird eine um so wichtigere Aufgabe, je mehr Menschen ganz unterschiedlicher Abstammung auf engem Raum zusammenleben. Wobei Abstammung nicht nur Herkunft, sondern auch Prägung durch ganz unterschiedliche Lebenswelten und Erfahrungen bedeutet. Wir wollen in Deutschland nicht eine neue Gettobildung. Das sollte uns leiten.

Deshalb sollten nicht immer stärker voneinander abgeschottete Teilgesellschaften entstehen. Das wäre vielleicht noch multikulturell, in jedem Fall aber falsch und vor allem kein Ausdruck von Offenheit und Toleranz, sondern von Borniertheit.

Zur Toleranz gehört Rücksichtnahme. Und Rücksichtnahme ist keine Einbahnstraße. Die Mallorquiner sollen ja auch etwas dagegen haben, wenn sich zu viele deutsche Touristen oder Zweitwohnungsbesitzer so aufführen, als wollten sie die schöne Mittelmeerinsel zur Karikatur eines 17. deutschen Bundeslandes machen. Offenheit braucht Kommunikation, Verständigung. Dazu ist eine gemeinsame Sprache unerlässliche Voraussetzung. Und eine Freiheitsordnung braucht Grundlagen, Identität, Zugehörigkeit, gemeinsame Erinnerungen und gemeinsame Verantwortung für die Zukunft. Das alles kann wachsen - aber gewollt muss es sein. Ohne die Bereitschaft zum Miteinander geht es nicht.

In Deutschland auf Dauer leben zu wollen, sollte heißen, in Deutschland heimisch zu werden, in einem weltoffenen, toleranten Land, das sich ständig verändert und weiterentwickelt, und das sich seiner selbst doch auch hinreichend gewiss ist. So wie Richard Schröder deutsch sein definiert hat: Nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes.

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