Meinung : Sonntags Schäuble: Schon mal einem Professor begegnet?

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied

Die Leistungsfähigkeit unserer Hochschulen rückt glücklicherweise in das Blickfeld öffentlichen Interesses. Wir brauchen mehr Mittel vom Staat und auch von Privaten. Aber das allein wird nicht reichen.

Im zweiten Band seiner deutschen Geschichte "Der lange Weg nach Westen" be-schreibt H. A. Winkler den Weg der Hochschulen seit Ende der sechziger Jahre: "Öffentlich finanzierte Einrichtungen hatten sich unter Berufung auf ihr Verständnis von Demokratie der Kontrolle demokratisch legitimierter Instanzen so weit entzogen, dass im Extremfall nur noch sie selbst bestimmten, was ihr gesellschaftlicher Auftrag war. Die Folgen waren korrigierende und regulierende Eingriffe des Staates, die zu einer Bürokratisierung der Universitäten führten. Die Leistungskraft der Hochschulen wurde dadurch nicht gesteigert und ihre Fähigkeit, sich selbst zu reformieren, auch nicht."

Die Folgen sind bis heute zu besichtigen. Kürzlich wurde mir berichtet, einer früheren Regierung Indonesiens hätten fünf Minister angehört, die in Deutschland studiert hatten. Deren Kinder würden alle auch im Ausland studieren, aber in den USA. Das passt zu Fernsehberichten vom Besuch Präsident Clintons in Vietnam, wo junge Leute gezeigt wurden, deren sehnlichster Wunsch war, in den USA studieren zu können.

Unsere Hochschulen sind offenbar im internationalen Vergleich nicht mehr Spitze. Studenten klagen über Massenbetrieb, Anonymität und darüber, es sei oft schwierig, überhaupt ein ausreichendes Angebot an Lehrveranstaltungen zu finden. Von ordentlichen Professoren wird berichtet, die pro Woche höchstens einen Tag anwesend seien. Das mögen Einzelfälle sein. Aber wer sich Lehrverpflichtungen an amerikanischen oder englischen Hochschulen ansieht und die Intensität, in der dort Professoren den Studenten für Gespräche und Beratung zur Verfügung stehen, wird schwer bestreiten können, dass die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden bei uns geringer ist. Aus der persönlichen Begegnung aber entsteht Vorbild und Motivation.

Mehr Differenzierung tut Not, Differenzierung zwischen Hochschulen, Auswahl von Studenten und Lehrpersonal. Kleinere Einheiten stärken persönliche Verantwortung. Verrechtlichte Strukturen und bürokratische Systeme unterfordern eher. Sie vereinbaren sich nur begrenzt mit Leistung, Wettbewerb und Innovation. Insofern sind die Hochschulen Spiegelbild unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, und sie zeigen, was unser Land braucht: Mehr Engagement, mehr persönliche Verantwortung, mehr Flexibilität. Das fördert auch sozialen Chancenausgleich, denn zur Zeit ist der Anteil von Studierenden aus unteren Einkommensschichten eher rückläufig. Chancengerechtigkeit ist das Gegenteil von Nivellierung.

Also mehr Differenzierungen: Hochschulen ganz unterschiedlichen Typs. Da sind gute Ansätze gemacht, von den Fachhochschulen bis zu den Berufsakademien vor allem in Baden-Württemberg. Hochschulen in privater Trägerschaft können neue Wege gehen und weisen. Dazu gehört auch die Auswahl von Studenten durch die Hochschule, und das schließt unterschiedliche Finanzierungssysteme ein. Warum Studiengebühren verbieten wollen? Wenn genügend Stipendien mit Leistungsbezug angeboten werden, muss das nicht zu sozialer Diskriminierung führen. Das Schlechteste, jedenfalls für unser Land, wäre auch in sozialer Hinsicht, wenn wir international nicht mehr Schritt halten könnten.

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