Sonntagsverkauf : Laden öffnen? Schluss Gesetz!

Wer Läden öffnen lässt, wann sie wollen, öffnet sich der Realität – und die ist turbulent und individuell. Gezwungen wird dazu niemand: weder der Ladenbesitzer, der keinen Bedarf erkennt, noch der Gläubige, der den Sonntag zu Kirchgang und Muße nutzen möchte. Auch ein verkaufsoffener Sonntag bleibt ein Sonntag.

Gerd Nowakowski

Versteht das einer? Beim Berlin-Marathon laufen über 40 000 Menschen durch die Stadt, aber hunderttausende Besucher dürfen nach dem Jubeln nicht shoppen gehen. Verboten. Und am modernsten Hauptbahnhof Europas sollen nach dem Willen der rot-roten Landesregierung künftig sonntags nur noch Geschäfte öffnen dürfen, die so genannten Reisebedarf verkaufen. Das ist Berlin, die Stadt mit dem liberalsten Ladenschlussgesetz der Republik.

Diese Stadt ohne Sperrstunde, in der immer etwas los ist und die mit ihrem Ruf als Shopping-Metropole auch in der Krise die Touristen anzieht, gefährdet gerade den eigenen Erfolg. Dabei dürfen Händler hier seit 2007 rund um die Uhr öffnen – außer am Sonntag. In der Realität nutzen nur wenige die große Freiheit: Angebot und Nachfrage sind ein selbstregulierendes System. So funktioniert Wettbewerb. Der Handel darf zusätzlich an zehn Sonntagen die Türen aufschließen – an den vier Advents-Wochenenden und anderen vom Senat festgelegten Terminen. Warum aber etwa eine Münzsammlermesse dringender Anlass für einen verkaufsoffenen Sonntag war, aber nicht der Marathon, hat sich schon mancher gefragt.

Gekümmert hat sich die Stadt bislang wenig um die Buchstaben des Gesetzes, das ständigen Sonntagsverkauf nur am Flughafen zulässt. In vielen Bezirken sind sonntags regelmäßig türkische Gemüseläden oder Supermärkte in U-Bahnhöfen geöffnet. Das ist eben Berlin. Zufall ist freilich nicht, dass nun das so erfrischend pragmatische Verhalten ein Ende haben soll und die Händler am Hauptbahnhof mit Bußgeldern bedroht werden. Erwartet wird bald der Spruch der Verfassungsrichter über die Klage der Kirchen gegen den Sonntagsverkauf in Berlin. Klaus Wowereits rot-roter Senat will es sich zudem im Wahlkampf nicht mit den hartnäckig gegen die Sonntagsarbeit kämpfenden Gewerkschaften verscherzen. Und der Berliner Einzelhandelsverband geht nicht für die Händler im Hauptbahnhof auf die Barrikaden, weil man den Kirchen nicht zusätzliche Argumente für Karlsruhe liefern will.

Doch im Kern geht es nicht um Berlin, nicht um Öffnungszeiten, nicht um die 30 Händler im Hauptbahnhof, sondern um die Anpassung der Gesellschaft an veränderte Lebens- und Arbeitsentwürfe. Berlin ist das Labor dieses Kulturkampfs. Warum müssen Verkäuferinnen vor Sonntagsarbeit geschützt werden, die für hunderttausende Krankenschwestern, Busfahrer, Polizisten oder Journalisten längst Normalität ist? Die Hauptstadt der Singles und Kreativen, Alleinerziehenden und der Web2.0-Generation ist exemplarischer Ort für diese Auseinandersetzung: Was sie heute Familie nennen oder Arbeit, wie ihre Woche aussieht, beißt sich mit dem gefügten Leben, das dem Ladenschlussgesetz zugrundeliegt. Deswegen ist auch nicht akzeptabel, wenn der Senat Ärzten verbietet, sonntags ihre Praxen zu öffnen. Wer Läden öffnen lässt, wann sie wollen, öffnet sich der Realität – und die ist turbulent und individuell. So macht es New York, wo es kein Ladenschlussgesetz gibt, oder London, wo Geschäfte bis 280 Quadratmetern Fläche immer öffnen dürfen.

Gezwungen wird dazu niemand: weder der Ladenbesitzer, der keinen Bedarf erkennt, noch der Gläubige, der den Sonntag zu Kirchgang und Muße nutzen möchte. Auch ein verkaufsoffener Sonntag bleibt ein Sonntag.

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