Meinung : Späte Begegnung

Nachrufseite vom 20. Oktober

Der Nachruf auf Franz von Hammerstein von Gregor Eisenhauer erinnert mich an eine Taxifahrt, die ich mit seiner Frau und ihm hatte. Sie kamen aus dem Gemeindehaus neben der Dahlemer St.-Annen-Kirche an der Pacelliallee Ecke Königin-Luise-Straße. Schon ohne zu wissen, wer er war: Ein eindrücklicher Anblick, der alte Herr. Jeder Bildhauer hätte sofort den Wunsch verspürt, ihn zu porträtieren. Herr von Hammerstein fragte mich, ob ich mich in der Gegend auskenne, wir fuhren am Friedhof entlang, und ich antwortete: „Ja, hier liegen der Niemöller und der Dutschke.“ Darauf von Hammerstein: „Der Niemöller hat mich konfirmiert.“

Na ja, irgendwie kam heraus, wer er ist, und glücklicherweise hatte ich gerade Hans Magnus Enzensbergers Buch „Hammerstein oder der Eigensinn“ gelesen, die Geschichte der Hammerstein-Familie. Ich war also bestens vorbereitet für die Tour Richtung Mexikoplatz, in dessen Nähe er wohnte.

Sein Bruder Ludwig von Hammerstein, der spätere Rias-Intendant, musste nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 untertauchen. Und Enzensberger erwähnt in seinem Buch, dass dies damals mithilfe von Oskar Huth geschah, der, selber im Untergrund lebend, dem Ludwig falsche Papiere gedruckt hat, mit denen er überleben konnte. Im Untergrund leben bedeutete in Huths Fall: Die Nachbarn freundlich mit „Heil Hitler grüßen“ und ansonsten mit einer gewissen Cleverness U-Bahnen und Busse meiden, weil dort oft die sogenannten „Kettenhunde“ kontrollierten. Und nur zu Fuß quer durch ganz Berlin unterwegs zu sein, um weiteren Untergetauchten gefälschte Buttermarken zu bringen.

Die Hammersteins kannten das kleine Buch noch nicht, und wer diesen Leserbrief zum Anlass nehmen sollte, es zu lesen, wird sicher einen lebendigen Einblick in den Alltag des sogenannten Dritten Reichs bekommen können.

Neulich stieg Joachim Gauck plötzlich ein, und ich erwähne es, weil wir uns damit ja noch im kirchlichen Bereich bewegen, (von Hammerstein hatte ja auch Theologie studiert). Ich war richtig erschrocken und meinte: „Nicht zu fassen“. Was ja ein verkürztes Bibel-Zitat von „Wer es fassen kann, der fasse es“ ist. Jedenfalls habe ich Joachim Gauck gebeten, was ganz selten vorkommt, mir etwas in ein Buch von Uwe Johnson zu schreiben, das ich gerade dabei hatte. Der kam ja aus der gleichen Gegend wie Gauck und er schrieb: „Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung. Ein norddeutscher Gruß an einen lesenden Berliner!“ So schön und erlebnisreich kann Taxefahren in Berlin (Dahlem) sein.

Uwe-Jens Has, Berlin-Zehlendorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben