Späte Wende zum Pragmatismus : Applaus für Seehofer in Tschechien

Die erste Reise eines bayerischen Ministerpräsidenten zu den nächsten Nachbarn hat eher den Charakter überfälliger Nacharbeit. Also Beifall für den bayerischen Ministerpräsident Horst Seehofer nach seiner Reise nach Prag.

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Horst Seehofer war in Tschechien unterwegs.
Horst Seehofer war in Tschechien unterwegs.Foto: dapd

Ein Durchbruch? Ja doch, also Beifall für den bayerischen Ministerpräsident Horst Seehofer nach seiner Reise nach Prag. Nur dass er nicht gerade der Held ist, der da eine Bresche geschlagen hat. Zwischen Tschechen und Deutschen – gerade wenn sie Bayern sind und an der Grenze zum Nachbarstaat leben – gibt es seit langem vielfältige Beziehungen, zumal auf lokaler und regionaler Ebene. Selbst in das seit Kriegsende eingefrorene Verhältnis zur Vergangenheit und zu den jeweiligen Geschichtsbildern ist Tauwetter eingekehrt. Die erste Reise eines bayerischen Ministerpräsidenten zu den nächsten Nachbarn hat eher den Charakter überfälliger Nacharbeit.

Ist es nicht vielmehr – um zur europäischen Normalität zurückzukommen – eine Groteske, dass zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauern in Europa eine solche Unternehmung ein Ereignis ist? Insofern gilt die Genugtuung der Auflösung einer spezifisch bayerisch-sudetendeutsch-tschechischen Beziehungsverknäulung. An ihr haben sie alle ihren gehörigen Anteil: die bayerischen Regierungschefs mit ihrer selbstverliebten, wählerstimmenbewussten Zelebrierung der Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen, ihren „vierten Stamm“; die Tschechen aber auch mit ihrem hartnäckigen Bestehen auf den sogenannten Benes-Dekreten.

Da weist der Entschluss, die Vergangenheit hinter sich lassen und energisch die Zukunft ins Zentrum ihres Verhältnisses rücken, wenigstens einen Ausweg aus der Sackgasse. Das Datum der deutsch- tschechischen Erklärung, die diesen Rhythmuswechsel versuchte, liegt immerhin fast vierzehn Jahre zurück. Wenn nun auch Seehofer und sein tschechischer Kollege Necas darauf schwören und diesen Schwur – so das Kommuniqué des historischen Treffens – mit dem Ausbau der grenzüberschreitenden B85/B20, einer deutsch-tschechischen Fachklasse an der Europa-Berufsschule in Weiden und der Förderung der Sprachkompetenz von Polizeibeamten an der Grenze garnieren: wer wollte diese Wendung zum Pragmatismus nicht feiern?

Aber solch schöner Eifer reicht für das deutsch-tschechische Verhältnis nicht aus. Denn es ist ja nicht zu übersehen, dass Prag in den deutschen Beziehungen zu den mitteleuropäischen Staaten einen stiefmütterlichen Part spielt. Das kann man nicht nur den Sudetendeutschen anlasten. Es liegt auch an den übrigen Deutschen. Bismarcks Wort, wer Böhmen habe, beherrsche Europa, ist geopolitisch-militantes Gedankengut vergangener Jahrhunderte. Aber ohne den kleinen Staat inmitten des Kontinents, dieses Herzstück Alteuropas, das einst das Hoffnungszeichen des Prager Frühlings in den Ostblock pflanzte und das Jahr 1989 mit seiner samtenen Revolution unvergesslich mitformulierte, lässt sich auch das Europa von heute nicht denken.

Es ist wahr, die Frage der Benes-Dekrete bleibt ungelöst. Aber Geschichte geht nie ohne Rest auf. Und es gibt ermutigende Zeichen wie die Bemühungen junger Tschechen, die deutsche Vergangenheit Böhmens und Mährens zu erforschen und als ihre Geschichte anzunehmen. Der verstorbene kluge Peter Glotz, Böhme von Herkunft, Bayer seiner Nachkriegs-Existenz nach, zitierte in seinem Buch „Die Vertreibung“ den tschechischen Philosophen Erazim Kohák: „Was eine humane zivilisierte Nation von einer barbarischen unterscheidet, ist nicht ihre Schuldlosigkeit, sondern ihr Umgang mit den Schattenseiten und problematischen Aspekten der Geschichte.“ Das bleibt als Aufgabe.

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