Meinung : Später Flirt mit Folgen

Malte Lehming

Wer war der Erste? Wer rief am 11. September vor allen anderen Regierungschefs beim amerikanischen Präsidenten an, um sein Beileid zu bekunden und seine "uneingeschränkte Solidarität" zu versprechen? War es Tony Blair, die treue Seele? War es Vincente Fox, der Präsident Mexikos, zu dessen Ranch George W. Bush seine erste Auslandsreise unternommen hatte? Weder noch. Der erste war Wladimir Putin, der Russe. Unter den vielen positiven Entwicklungen, zu denen Osama bin Ladens Terroranschlag beigetragen hat - die Geschlossenheit der Nato, die Solidarität der Uno, der Wandel im Iran, die Dynamik im Verhältnis zwischen Pakistan und Indien - ragt die neue russisch-amerikanische Freundschaft fast wie ein kleines Wunder heraus.

Dabei war das Fundament der herzlichen Bush-Putin-Beziehung schon im Juni in Slowenien gelegt worden. Damals sahen sich die Beiden zum ersten Mal tief in die Augen und sprachen hernach von einer Seelenverwandtschaft. Doch der Terror hat das Bündnis weiter vertieft. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Konflikte zahlreicher waren als die Gemeinsamkeiten. Moskau grollt längst nicht mehr wegen des Kriegs gegen Jugoslawien. Die Kritik an der amerikanischen Raketenabwehr und der Nato-Osterweiterung wird demonstrativ auf Sparflamme vorgetragen, der zweitgrößte Ölproduzent der Welt bietet dem Westen sogar seine Energievorräte als Alternative zum Öl der Araber an. Wie groß das Vertrauen ist, zeigen auch kleine Gesten: Zwei Militärbasen aus der Sowjetzeit, die eine in Kuba, die andere in Vietnam, hat Putin jüngst schließen lassen. Und im Kampf gegen den Terror hilft er grenzenlos. Dass amerikanische Soldaten von Usbekistan und Tadschikistan aus operieren und amerikanische Jets über russisches Gebiet rauschen dürfen, haben die USA allein Putin zu verdanken.

Das innenpolitische Risiko, dass der russische Präsident dabei in Kauf nimmt, ist nicht gering. Große Teile des politischen Establishments in und um den Kreml herum betrachten seine Annäherung an den Westen ebenso skeptisch, wie sie es vor mehr als zehn Jahren bei Michail Gorbatschow getan hatten. Die Nomenklatura, die an den alten Werten und Dogmen klebt, ist in der russischen Gesellschaft weiterhin stark.

Drei Tage lang werden Bush und Putin sich nun noch weiter annähern. Auf dem Programm stehen der Kampf gegen den Terror, eine drastische atomare Abrüstung, die Raketenabwehr, der ABM-Vertrag, die Sicherheit der russischen Nuklearwaffen sowie die Irak-Sanktionen. Auf allen Gebieten könnte es Fortschritte geben. Wann je hat ein amerikanisch-russisches Gipfeltreffen in düsterer Zeit mehr Zuversicht verbreitet?

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