Meinung : Spätrömische Schmierereien

Lesermeinungen zu „Ist Graffiti in Berlin Kunst oder Verunstaltung“ vom 15. April

Statt einer Replik auf meinen Einwurf gegen städtische Verwahrlosung möchte ich Ihnen nur den Kommentar meiner Frau auf Ihren heutigen Beitrag übermitteln: Thema verfehlt! Ich bedaure sehr, dass Sie meinen Appell nicht aufgegriffen haben.

Ein trauriger Leser, Wolfgang Both,

Berlin-Mahlsdorf

Herr Westerwelle zog das spätrömische Reich für sein Dekadenz-Beispiel heran. Herr Jung hat mit seiner Leserbriefantwort zu Graffiti-Schmierereien bewiesen, dass es heutzutage bei uns nicht besser bestellt ist, als im spätrömischen Reich.

Reinhold Vollbom, Berlin-Wilmersdorf

Die Meinung von Matze Jung, Referent am Archiv der Jugendkulturen e.V., kann ich nicht teilen und glaube auch nicht, dass viele Berliner sie teilen. Wenn im öffentlichen Raum Flächen für Kreatives zur Verfügung gestellt werden, ist das in Ordnung. Aber willkürliche Schmierereien an Häuserfronten, Dächern, Mauern oder öffentlichen Gebäuden haben nichts mit Kultur zu tun. Das ist und bleibt Sachbeschädigung und somit ein Straftatbestand. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Tourismus nach Berlin durch Graffiti gefördert wird, vielmehr zeigt sich, dass Straßen und Orte, in denen Graffiti nicht schnell beseitigt wird, ganz schnell verkommen. Ich finde es besorgniserregend, dass immer mehr Menschen ihre Neigungen ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen ausleben.

Ich glaube nicht, dass man mit viel Verständnis viel erreicht.

„Null Toleranz“ wäre sicherlich sinnvoller.

Nina Sen, Berlin-Friedenau

Abgesehen davon, dass Herr Jung auf die Fragen von Herrn Both überhaupt nicht eingeht und dieses Versäumnis damit verbrämt, dass er „die angesprochenen Aspekte um einige Gedanken ergänzen möchte“, die ausschließlich dazu dienen, den Vandalismus zu rechtfertigen und die Schmierereien in die Gefilde der Kunst zu erheben, verniedlicht er in geradezu grotesker Weise das ganze Problem. Die Stadtgestaltung soll offenbar sanktionslos einer chaotischen Minderheit von Leuten überlassen werden, die ihre „Selbstverwirklichung“ dadurch realisieren wollen, dass sie jede für sie erreichbare Fläche beschmieren. Diese unsägliche politisch-gesellschaftliche Verbrämung egoistischer Schmierereien und des Dranges, sich eine, wie auch immer geartete, Bühne zu schaffen und offensichtlich die Gestaltungshoheit von Fassaden und Wänden zu okkupieren, macht mich einfach nur zornig.

Im Übrigen beantwortet sich die Frage „Kunst oder Verunstaltung“ für die Mehrzahl der Schmierereien ja von selbst. Herr Jung, fragen Sie doch einmal die Berliner auf der Straße. Abschließend würde mich sehr interessieren, wie der Verein eigentlich finanziert wird. Ich hoffe, nicht aus Steuermitteln.

Rudi Voigt, Berlin-Tegel

Herr Matze Jung nimmt ziemlich weltfremd zum Artikel Stellung. Wir betrachten 90 Prozent der Schmierereien als Sachbeschädigung. Wer gibt einem Schmierer das Recht, fremdes Eigentum zu beschmieren. Kaum ist die Brücke (Neue Späthstraße) zur Autobahn fertig, wird diese beschmiert. Wo ist denn da Kunst? Drei Punkte und ein Strich! Fahren Sie doch einmal mit der S-Bahn. Es gibt ein kleines Häuschen in der Riesestraße, gebaut etwa um 1900. Das ist so vollgeschmiert, dass man die Schönheit dieser Architektur nicht mehr erkennt. Die Sprayer machen vor keiner Mauer halt, sei es eine Krankenhausmauer oder sogar eine Friedhofsmauer. Ein großes Lob der BVG, die ständig versucht, die Schmierereien zu entfernen, leider mit sehr wenig Erfolg. Berlin war immer dreckig, aber nun droht es zu verkommen.

Edith und Günter Reipert,

Berlin-Neukölln

Ich kann Herrn Both nur zustimmen: „Leisten Sie einen Beitrag gegen die Verwahrlosung in unserer Stadt!“ Matze Jung scheint im besten Falle dieses Thema theoretisch wissenschaftlich zu betrachten. An den Realitäten geht das jedoch vorbei. Die wenigsten Graffitis haben einen politischen Bezug. Geschätzte 99 Prozent sind einfach nur Schmierereien, mit denen einfach nur gezeigt wird „Hallo, mich gibt's auf dieser Welt!“. Sie markieren sprichwörtlich ihr Revier an allen Ecken und Enden unserer Stadt. Die Schäden, die sie dabei verursachen, sind ihnen total egal.

Christian Krüger, Berlin-Frohnau

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