Meinung : Spagat der Potentaten

Andrea Nüsse

Die Antwort kam prompt: Der Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, kritisierte die jüngste Videoerklärung des mutmaßlichen Terroristen Osama bin Laden in aller Deutlichkeit: Bin Laden spreche nicht im Namen der Muslime. Die oberste Autorität im sunnitischen Islam, die Al-Azhar Universität in Kairo wies den Aufruf bin Ladens indirekt zurück: Sie lehnt das Konzept des Religionskriegs ab, von einem Konflikt zwischen Kulturen könne keine Rede sein. Damit haben die arabischen Staaten mit bin Laden gebrochen. Darüber kann sich der Westen freuen, die Anti-Terror-Koalition scheint gestärkt.

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Ted: Sollen die USA ihre Bombardements unterbrechen? Der Eindruck täuscht. Die eindeutige Abfuhr, die sich bin Laden mit seinem Aufruf zum Religionskrieg eingehandelt hat, bedeutet keine wachsende Unterstützung für den US-Luftkrieg. Die Reaktion der arabischen Welt bezog sich hauptsächlich auf die harsche Kritik, die der versteckte Multimillionär an islamischen Regierungen übte, indem er ihnen Verrat am Islam vorwarf. Zu bin Ladens ersten Botschaften, in denen er die westliche Politik in Irak und Palästina anprangerte, hatte die arabische Welt geschwiegen, weil sie die Kritik des Top-Terroristen am Westen größtenteils teilt. Erst jetzt, da die eigene Macht bedroht scheint, wird eine klare Trennlinie gezogen.

Ähnliches vollzog sich in Saudi-Arabien vor zwei Wochen. Taub für die Forderungen der Amerikaner, rang sich das Königreich erst dann zu einer Distanzierung von bin Laden durch, als es seine Macht durch dessen Anhänger im eigenen Land offen in Frage gestellt sah. Oppositionelle Prediger wurden daran erinnert, dass nur der saudische Herrscher den Dschihad ausrufen könne und Gehorsam gegenüber dem Herrscher oberstes islamisches Gebot sei.

Das Beispiel zeigt, dass der Westen und die USA relativ wenig Einfluss auf die Haltung der arabischen Staaten haben. Ihr Verhältnis zu Osama bin Laden wird durch innenpolitische Konstellationen bestimmt. Die arabischen Regime müssen ihren unterdrückten Bevölkerungen ein Ventil offen lassen. So dürfen sie ihre Frustration über die USA und die von den USA gestützten autoritären Regime teilweise in Solidaritätsbekundungen mit Osama bin Laden zum Ausdruck zu bringen. Damit ist aber Schluss, wenn die Sympathie für bin Laden die eigene Macht in Frage zu stellen beginnt.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Wirkung der westlichen Reisediplomatie in der islamischen Welt fraglich. Auch wenn viele Regime sich nur dank der Rückendeckung Amerikas an der Macht halten können, wollen sie den Eindruck einer zu engen Allianz vor der eigenen Bevölkerung vermeiden. So durfte der britische Premier nach seinem demonstrativen Besuch britischer Truppen in Oman nicht nach Riad weiterfahren - der Besuch in der saudischen Hauptstadt hätte das Regime zu sehr destabilisiert. Im Rahmen einer Reise vergangene Woche, in der das Politische im Vordergrund stand, wurde er dann doch von den Saudis empfangen.

Näher gekommen sind sich der Westen und die arabischen Länder bisher nicht, was den Krieg in Afghanistan und die Definition von Terrorismus anbelangt. Solange sich die arabischen Medien und die Bevölkerungen nicht deutlich von bin Laden und seinen Kriegsaufrufen distanzieren, dauert der Spagat der arabischen Regierungen an. Wer mit bin Laden sympathisiert, kritisiert damit die eigenen diktatorischen Regime. Und so wird bin Laden erst dann keine Sympathie mehr genießen, wenn die arabischen Regierungen eine demokratische Öffentlichkeit ermöglichen. Dann brauchte man keinen Ableiter für den Volkszorn mehr und auch keinen Sprecher in Form eines bin Laden. Aber von dieser politischen Freiheit ist die arabische Welt weit entfernt.

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