SPD-Kanzlerkandidat : Per Schlafwagen geht es nicht zur Macht

Wer wird für die SPD gegen Merkel antreten? Die Partei kann sich einfach nicht entscheiden. Dabei wird es Zeit für einen Kanzlerkandidaten. Wem es nicht gelingt, im (Vor-)Wahlkampf Stimmen zu sichern, der hat im Kanzleramt nichts zu suchen.

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Wer wird es? Die drei potenziellen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, Sigmar gabriel und Frank-Walter Steinmeier (v.l.).
Wer wird es? Die drei potenziellen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, Sigmar gabriel und Frank-Walter Steinmeier (v.l.).Foto: dapd

Wenn jemand nicht weiterweiß vor lauter Vermögen und Möglichkeiten, spricht man gerne von einem „embarras de richesses“ – von der Verlegenheit angesichts vieler Optionen. Die SPD tut so, als sei sie stolz darauf, dass sie über gleich drei potenzielle Kanzlerkandidaten verfügt: über Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück. Doch in Wirklichkeit ist das keine „richesse“, sondern vor allem ein „embarras“ – eine reine Verlegenheit.

Zum Ersten hängt die SPD seit der Kanzlerkandidatur von Johannes Rau 1987 dem Köhlerglauben an, wenn man einen Kanzlerkandidaten zu früh nominiere, werde er bis zur in ein oder zwei Jahren anstehenden Bundestagswahl vorzeitig verschlissen. Dass der eine oder andere Aspirant in der Politik schnell verschlissen ist, kommt schon vor. Aber wie die Amerikaner sagen: If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen – Wenn du die Hitze nicht aushältst, halt dich raus aus der Küche! Wie soll jemand, dem es nicht gelingt, während eines (Vor-)Wahlkampfes mehr Anhänger für sich und seine Partei zu mobilisieren, als ihm seine Gegner abjagen können, hinterher jemals die Hochdruckkammer des Kanzleramtes überstehen? Das Gegenteil also ist wahr: Nur wer sich in einer programmatischen und polemischen Auseinandersetzung stetig zu profilieren vermag, kann sich die Achtung und das Vertrauen vieler Wähler sichern. Per Schlafwagen oder per Kurzstreckenticket zur Macht, das gibt für alle ein böses Erwachen, für den Kandidaten wie die Bürger.

Zum Zweiten ist es ja nicht so, dass die SPD insgeheim längst wüsste, wen sie als Spitzenkandidaten nominieren möchte und ihren Favoriten nur zur Schonung in einem Kleeblatt versteckt. Vielmehr kann sie sich nicht entscheiden zwischen ihren Troikanern – und zwar nicht nur jetzt nicht, sondern auch später nicht, wenn sie muss. Sigmar Gabriel ist zwar als Vorsitzender der Mann des ersten Zugriffs, aber alle Umfragen bescheinigen ihm, dass er selbst unter SPD-Anhängern beschämend geringe Chancen hätte. Frank-Walter Steinmeier ist die anständige Grundsolidität in Person (steht auch mit Peer Steinbrück gleichauf in der Gunst) und verfügt über eine große integrative Kompetenz – aber ist sein politischer Hormonspiegel so hoch, dass er als Anführer das Kampffeld durchschlagend beherrschen könnte? Peer Steinbrück wiederum traut man eben dies zu, bis nach Ougadougou, und außerdem die realitätsgesättigte Sachkunde gerade in der Finanzkrise – doch kann er sich außer den Wählern der Mitte auch den Funktionären seiner eigenen Partei angenehm machen?

Den einen mag kaum jemand, den anderen mögen fast alle und den dritten nur die eigenen Linken nicht – das ist nicht nur ein „embarras“ der personellen Präferenzen, sondern hinter alledem steht, zum Dritten, eine tiefe programmatische Unschlüssigkeit. Diese wird zusätzlich von dem Umstand vertieft, dass die Volksparteien wegen ihres strukturellen Bodenverlustes gleich zweierlei überlegen müssen, nämlich nicht nur, wofür sie regieren wollen, sondern zugleich mit wem. Einen Entwurf auf die Beine zu stellen, der zwar auf Rot-Grün zielt, sich aber auch in einer großen Koalition sehen lassen könnte (das Umgekehrt geht wegen des vorweggenommen Underdog-Effekts leider ganz und gar nicht), einen Entwurf, der sowohl den linken Flügel als auch die Wähler der Mitte anspricht – und dazu auch noch den passenden Kandidaten zu präsentieren: Das kommt schon der Quadratur des Kreises gleich.

Das macht die frühe Singularisierung des Trios nur umso wichtiger. Denn nur einem profilierten und etablierten Anführer könnte es gelingen, diese scheinbar unüberwindbaren Gegensätze zu versöhnen – oder doch wenigstens zu überdecken.

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