Spermien werden nun im Labor hergestellt : Das unnötige Geschlecht

Die schlechten Nachrichten für das männliche Geschlecht reißen einfach nicht ab. Das kann man ganz unsentimental und sachlich feststellen – auch als Mann.

Kai Kupferschmidt

Die schlechten Nachrichten für das männliche Geschlecht reißen einfach nicht ab. Das kann man ganz unsentimental und sachlich feststellen – auch als Mann.

Schon 2003 konstatierte der britische Genetiker Steve Jones in seinem Buch „Der Mann – ein Irrtum der Natur“, der Mann sei biologisch nur eine reduzierte Frau, und prophezeite ihm, er werde aussterben – spätestens in einigen Millionen Jahren. Während die Frauen eine Männerdomäne nach der nächsten erobern, sucht der Mann immer verzweifelter nach seiner Identität. Als letzte Kernkompetenz scheint ihm nur noch die Produktion von Spermien geblieben zu sein.

Nun ist auch diese letzte Bastion der Männer erstürmt worden, jedenfalls behaupten das britische Forscher. Im Reagenzglas wollen sie aus Stammzellen Spermien gezüchtet haben. Viele Experten bezweifeln zwar, dass die lustvoll ihr Schwänzchen windenden Zellen ausgewachsene, gesunde Spermien sind. Aber bestenfalls dauert es noch wenige Jahre, bis die Forscher den Mann im existenziellen Sinn endgültig arbeitslos machen.

„Männer sind so verletzlich, Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich“, singt Herbert Grönemeyer und hat plötzlich nur noch zur Hälfte recht. Gerne wird über das kollektive Trauma der Menschheit sinniert, die von Kopernikus aus dem Zentrum des Universums und von Darwin von der Spitze der Schöpfung verscheucht wurde. Freud konstatierte diese „Kränkungen der Eigenliebe“ und fügte ihnen die dritte hinzu, indem er dem Menschen auch die Hoheit über seine Gefühle absprach.

Schon warnen die Ersten: Mit dem Verlust der Zeugerfunktion drohe dem Mann nun die endgültige Kränkung und mit dem Sinnverlust die Depression. Die unbefleckte Empfängnis verschiebe die biologischen Koordinaten des ganzen Geschlechts – und wie sich der Mann an diesem neuen Ort bewähren werde, ob er gedeihen oder eingehen werde, könne niemand wissen.

Aber der Sitz männlicher Emotionen ist nicht der Hoden. Leihmütter, homosexuelle Elternpaare, künstliche Befruchtung: Längst hat sich der Mensch in Sachen Fortpflanzung von der Biologie emanzipiert. Künstliche Spermien sind der logische nächste Schritt, und die männlichen Hoden werden deswegen nicht von heute auf morgen beleidigt ihre Samenproduktion einstellen.

Vater sein ist mehr als eine Samenspende, ist bei den Hausaufgaben helfen, zum Fußballturnier fahren, abends vorlesen. Nicht jeder macht das. Spermien hingegen waren nie Mangelware. Jones hat in seinem Buch vorgerechnet, dass ein einziger Mann ausreichen würde, um alle Frauen in Europa zu schwängern. Das wäre für die Frauen zwar keine unbefleckte Empfängnis. Für die überwältigende Mehrzahl aller Männer aber schon. Kai Kupferschmidt

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