Meinung : „Spiel, Spaß, Spannung, Sextourismus“

Bernd Matthies

Wer sich mit kritischen Anmerkungen in die deutsche WM-Euphorie mischt, kriegt Ärger – das hat die Stiftung Warentest erfahren müssen. Auch Schwester Lea Ackermann wird kaum mit einem Beckenbauer-Dankschreiben rechnen für ihren griffigen Slogan „Spiel, Spaß, Spannung, Sextourismus“. Die Gründerin des Vereins „Solwodi“ (Solidarität mit Frauen in Not) befürchtet, dass von der Weltmeisterschaft auch Menschenhändler profitieren, die massenhaft Frauen vor allem aus Osteuropa ankarren werden – Frauen, die keineswegs alle freiwillig kommen.

So war es immer, zuletzt in Athen vor vier Jahren, und auch das deutsche Sexgewerbe bereitet sich derzeit akribisch vor, eröffnet Großbordelle und ordert „Verrichtungsboxen“ für den Straßenstrich. Die Frauen dafür werden nach allen Erfahrungen draußen oft mit windigen Versprechungen als Kellnerin oder Zimmermädchen angeworben und dann mit psychischem Druck oder blanker Gewalt zur Prostitution gezwungen. Kommen sie aus EU-Ländern und beteuern bei Razzien, sie seien freiwillig in Deutschland, ist die Polizei machtlos.

Lea Ackermann, die mit grauem Bürstenhaar und charismatischem Auftreten kaum dem Klischee einer Nonne entspricht, setzt sich seit Jahrzehnten für Frauen ein, die Opfer von Menschenhändlern und Sextouristen werden. Die gelernte Bankkauffrau trat 1960 im Alter von 23 Jahren den „Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika“ bei, studierte Pädagogik, promovierte und arbeitete in Kenia und Ruanda als Streetworkerin, Lehrerin und Schulleiterin. In Mombasa rief sie 1985 auch den Frauenhilfsverein ins Leben, dessen 1987 gegründeter deutscher Ableger zehn Beratungsstellen betreibt. Journalisten nennen sie gern die „bekannteste Nonne Deutschlands“; sie nimmt das hin, wenn es denn ihren Zielen dient.

Die sind schwer zu erreichen. Zusammen mit dem Hilfswerk Renovabis wird Solwodi nun Frauen in den fraglichen Ländern warnen, auf verlockende Stellenangebote hereinzufallen. In Deutschland will man eine Notrufnummer für Opfer einrichten – und der fußballverrückten Öffentlichkeit mit dem Hinweis auf die Schattenseite des Festes ein wenig auf die Nerven gehen. Ihr Ruf macht Lea Ackermann unangreifbar: Sie ist „Frau Europas“, wurde mit dem Johanna-Löwenthal-Preis ausgezeichnet. Und Karl Kardinal Lehmann nannte sie schlicht einen „echten Glücksfall“.

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