Meinung : Spitze für Humboldt

Mlyneks Abgang ist ein Albtraum. Die Uni braucht einen Präsidenten von seinem Schlag

Anja Kühne

Wissenschaft lebt von persönlichem Ehrgeiz, nicht anders als die Leistungsgesellschaft überhaupt. Es ist also nur konsequent, wenn ein mit dem hochrangigen Leibniz-Preis dekorierter Spitzenforscher und vielfach erfahrener Wissenschaftsmanager die nächste Stufe seiner glanzvollen Karriere nimmt. Jürgen Mlynek, bislang Präsident der Humboldt-Universität, wird der Chef der größten deutschen Forschungseinrichtung, der Helmholtz-Gemeinschaft. Ein Wissenschaftler-Traum wird wahr.

Für seine Hochschule, die Humboldt-Universität, ist dieser Traum jedoch ein Albtraum. Denn Mlyneks plötzlicher Abschied kommt zur Unzeit. Erst am 1. Februar ließ er sich als Präsident der Universität für eine zweite Amtsperiode bestätigen, nach einem Wahlmarathon, der die Gremien monatelang strapazierte. Nun steht die Uni ohne Führung da.

Das erklärt aber noch nicht die Enttäuschung oder gar den Ärger vieler Studenten, Professoren und Mitarbeiter. Sie werden den Verdacht nicht los, dass das verlockende Angebot der Helmholtz-Gemeinschaft doch nicht erst vor wenigen Tagen an Mlynek herangetragen wurde, wie er nun sagt. Chefs über einen Etat von 2,3 Milliarden Euro werden nicht in sechs Wochen ausgesucht. Mlynek dürfte schon lange gewusst haben, dass man ihn für den Posten favorisiert.

Politiker, die ihrem Wahlvolk in der Provinz die Treue halten, wenn ein Job im Bund lockt, sind selten geworden. Genau wie Manager, die mit ihrem Unternehmen durch dick und dünn gehen. Doch hat Mlynek sich im Wahlkampf nicht als Patriarch der Humboldt-Universität geriert, ohne den die Hochschule ihren Exzellenzkurs nicht fortsetzen könne? Jetzt wird er an seinen eigenen Worten gemessen – und an der Entschlossenheit, mit der er sich um eine zweite Amtszeit bewarb.

Mlyneks Wiederwahl stand auf der Kippe. An der Humboldt-Universität wurde deshalb Porzellan zerschlagen. Ein hoch angesehener Wissenschaftler aus den eigenen Reihen wurde von seiner Gegenkandidatur abgehalten, denn sie hätte Mlynek wahrscheinlich sein Amt gekostet. Statt dessen stellte das Kuratorium einen schwachen Zählkandidaten auf, eine schreckliche Blamage für den Professor selbst wie für die Humboldt-Universität. Mlynek aber wurde mit einem äußerst knappen Ergebnis wieder Präsident der Uni.

Die Querelen um Mlyneks Wiederwahl und sein plötzlicher Abgang werfen einen Schatten auf sein glanzvolles Bild. Das Reformwerk Mlyneks wird davon jedoch nicht verdunkelt. Jetzt, da Mlynek weggeht, braucht die Humboldt-Universität wieder einen oder eine wie ihn. Eine Persönlichkeit, die wie er erheblich mehr Erfahrung im Wissenschaftsmanagement einbringen kann als aus einer Amtszeit als Dekan. Die wie er bundesweit ihre Kontakte spielen lassen kann, auch ins Bundesbildungsministerium. Die mit der Humboldt-Universität an die Spitze will.

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