Staat und Religion : Gut ohne Gott

Atheisten sind zahlreich, doch es fehlt ihnen die Lobby - ganz im Gegensatz zu den Kirchen, die der Staat großzügig subventioniert. Mit welcher Legitimation? Ethik ist schließlich keine Domäne der Religion, sie ist unser aller Domäne.

Bas Kast

Wer hätte das gedacht! Der britische Biologe Richard Dawkins, der sich bislang mit keinem seiner Bücher auf dem deutschen Markt durchsetzen konnte, landete mit seinem aktuellen Werk „Der Gotteswahn“ einen Überraschungserfolg. Und das mit einem zutiefst ketzerischen Buch, wenn man so will: mit Hardcore-Atheismus pur.

Was sagt uns das? Ist der Büchermarkt ein Spiegel unserer Gesellschaft? Offenbar sehnen sich viele von uns nach atheistischer Lektüre. Aber wo in unserer Gesellschaft erheben die Atheisten ihre Stimme? Man hört sie kaum. Die Atheisten haben keine Lobby, sie sind als Gruppe nicht identifizierbar, und damit fehlt es ihnen an Einfluss. Das kann man von ihren Gegnern, den Kirchenvertretern, nicht behaupten. Die Macht der Kirchen ist auch bei uns immer noch groß – nicht zuletzt dank großzügiger Unterstützung des Staates, also von uns allen.

So subventioniert der Staat die Kirchen Jahr für Jahr in Milliardenhöhe, obwohl die Gruppe der Konfessionslosen längst die größte gesellschaftliche Gruppe in Deutschland ist (32,5 Prozent, Stand 2005). In der Schule gibt es Religionsunterricht, und an den Universitäten bildet der Staat Theologen aus. Auch in den Rundfunkräten sitzen Vertreter der Kirchen und bestimmen so mit über unser tägliches Fernsehprogramm.

Mit welcher Legitimation eigentlich? Man könnte meinen, wir würden mit unserem Geld zumindest eine Institution fördern, die in vieler Hinsicht recht hat und das Richtige tut. Das Erste jedoch ist auf jeden Fall falsch. Jede Religion versucht, die Welt zu erklären („Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht“). Nach und nach jedoch haben sich die Welterklärungen der Religionen als Irrtum herausgestellt. Ihre Antworten auf die Frage, woher das Universum und der Mensch kommen, waren und sind – nach allem, was wir heute wissen – völlig falsch.

Nun könnte man sagen: Ja, gut, aber die Religionen erklären uns schließlich nicht nur die Welt, sie vermitteln uns auch ethische Werte, und dafür brauchen wir sie, selbst heute noch, selbst wenn sich die Religionen in vieler Hinsicht geirrt haben. Wirklich? Nur warum sollte eine Institution, die sich in Sachen Welterklärung so massiv geirrt hat und sich weiterhin irrt, just in Sachen ethischer Fragen plötzlich über eine so einmalige Kompetenz verfügen? Egal, um welche Frage es auch geht, von den Stammzellen bis hin zur Sterbehilfe: Wann immer eine ethische Frage aufgeworfen wird, hören wir auf die Stimme der Kirche.

Es geht nicht darum, den Glauben zu unterdrücken. Aber wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass Kirchenvertreter die Moral gepachtet haben. Ethik ist keine Domäne der Religion, sie ist unser aller Domäne. Aufgeklärte, atheistische Menschen können genauso moralisch sein wie religiöse. Aber ja, es gibt zwischen ihnen durchaus Unterschiede: Humanisten gehen in ethischen Fragen nicht von einem höheren Wesen aus, sondern vom konkreten, selbstbestimmten Menschen.

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