Staatspleite : Heute Athen, morgen Berlin

Die Probleme Griechenlands könnten bald auch auf Deutschland zukommen. Denn die deutsche Bevölkerung wird immer älter, kleiner, unqualifizierter und schuldenreicher. Ein Gastkommentar.

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Die Griechen kann es kalt lassen, ob das aktuelle europäische Hilfspaket nun 40, 80 oder 160 Milliarden Euro kostet. Bankrott bleiben sie so oder so. Und auch in Zukunft rechnet niemand auf Innovationen aus Griechenland. Es gibt schlichtweg keine Kameras, Computer oder Autos aus Griechenland, die wir umgehend kaufen würden, wenn nur ihre Preise endlich fielen.

Die griechische Bevölkerung schrumpft – optimistisch gerechnet – bis 2040 von 11 auf 10 Millionen. Ihr Durchschnittsalter springt von 38 auf 50 Jahre. Zur Schrumpfvergreisung gesellt sich beim Pisa-Mathetest ein eisern verteidigter europäischer Schlussrang. Man ähnelt hier dem Bankrotteur an der westlichen Peripherie der EU. Auch Portugals Bevölkerung schrumpft, steigt beim Durchschnittsalter von 38 auf 50 Jahre und liegt bei Pisa nur knapp vor Griechenland. Vor dem Internationalen Währungsfonds mag man all das verheimlichen können. Doch die Ratingagenturen finden es heraus und werden dann neugierig auf Länder, die immer noch glauben, den Griechen sagen zu können, wo es langgeht.

Wer genau sind zum Beispiel die „vorbildlich wirtschaftenden“ Deutschen, die jetzt widerwillig, aber irgendwie auch böse stolz für mediterranes Grillen aufkommen? Unter 40 Millionen Erwerbstätigen hat der EU-Riese 25 Millionen voll versicherte Nettosteuerzahler. Auf die fallen – zusätzlich zu ihren persönlichen Obligationen – offizielle 1800 Milliarden Euro Staatsschulden an. Pro Nase sind das 72.000 Euro oder zwei unversteuerte Jahresgehälter. Hinzu kommen unausgewiesene Verpflichtungen, zum Beispiel für Renten- und Pensionsverpflichtungen. Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen veranschlagte sie Anfang 2010 auf 6200 Milliarden Euro. Auf jeden unserer Nettoleister fallen damit 240.000 Euro Schulden oder sieben unversteuerte Jahresgehälter an. Und dieser Einäugige unter Blinden gilt als bester Schuldner der Menschheit

Auch die Deutschen werden einmal vor der Staatspleite stehen

Aber ist ein solcher Betrag jemals bedienbar und bleibt sogar noch etwas übrig für das Tilgen der griechischen Schulden? Bis 2060 soll Deutschland von jetzt 80 auf 65 Millionen Einwohner schrumpfen, wenn 100.000 Hochqualifizierte jährlich kommen und 170.000 Hochqualifizierte nicht mehr auswandern. Für diesen noch optimistischen Fall wird das Durchschnittsalter von jetzt 44 auf „nur“ 54 Jahre ansteigen. 100 Versorger zwischen 25 und 65 Jahren werden „nur“ 180 Versorgten gegenüberstehen.

Als eine einzige Person betrachtet wird Deutschland mithin älter, kleiner, unqualifizierter und schuldenreicher. Gewiss, es verfügt global noch über Spitzenpositionen. Deshalb erfolgt sein Innovationsabstieg als Verlust von Branchen, die Griechenland von vornherein nicht hat. Nach Optik, Telekommunikation und Computern verabschiedet sich momentan das Bio-Engineering. Und wenn man die chinesischen Nobelkarossen auf der Auto-Show in Peking anschaut, will man die Unantastbarkeit deutscher Autos auch nicht mehr beschwören.

Überraschen kann das gleichwohl nicht, weil Deutschland sich als erstes OECD-Land in der Dequalifizierungsspirale befindet. Auf 100 ins Rentenalter wechselnde Ingenieure folgen im industriearmen England immerhin 190 junge, in Deutschland aber nur noch 90. Denen lässt der Staat von 100 verdienten Euro gerade mal 46 in der Tasche. Und dennoch stammen von den 320 Milliarden Euro im Bundeshaushalt 2010 runde 100 Milliarden aus frischen Schulden. Auch die kommen auf die rare Jugend zu.

Niemand bringt deshalb überzeugende Gründe dafür vor, dass die Deutschen auch nur ihren eigenen Verpflichtungen nachkommen werden. Von einer dreißigjährigen Bundesanleihe über drei Milliarden Euro wurde Deutschland in der vergangenen Woche nur noch 2,75 Milliarden los. Auch das kriegen die Ratingagenturen bald heraus. Und wer spätestens dann nicht gegen den Euro wettet, ist selbst schuld.

Der Autor ist Zivilisationsforscher. Er unterrichtet an der Uni Bremen.

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