Meinung : Stadt der Mikroben

Die Berliner Meningitis-Fälle sind kein Grund zur Beunruhigung / Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

Der Tod des elfjährigen Schülers aus Spandau und die beiden weiteren Berliner Fälle von Hirnhautentzündung sind schlimm, traurig und tragisch – ein Grund zur Beunruhigung sind sie nicht. In Deutschland liegt die Zahl der gemeldeten Erkrankungen konstant bei rund 750 pro Jahr, eine steigende Tendenz ist weder in Berlin noch anderswo zu erkennen. Die meisten Fälle treten im Winter und den ersten drei Monaten des Jahres auf, wenn der Immunschutz durch Nässe und Kälte angeschlagen ist und die Menschen in geschlossenen Räumen eng zusammenrücken. Die gefürchteten Erreger, so genannte „Meningokokken", überleben außerhalb des Körpers nur wenige Minuten. Deshalb können die Bakterien nur durch direkten Speichelkontakt übertragen werden – wie Küssen, Anspucken und Inden- Mund-nehmen von Spielzeug.

Dass die Schuldirektorin am Freitagmorgen nach dem tragischen Todesfall alle Kinder sofort wieder nach Hause schickte, ist menschlich nachvollziehbar. Allerdings wurde dadurch die Panik erst richtig angeheizt: Besorgte Eltern, die ihre Kinder vor der vermeintlichen Seuchengefahr retten wollten, steckten erst einmal rund um die Gatower Grundschule im Verkehrschaos. Als auch noch die Nachbarschule geschlossen wurde, musste die Polizei den Verkehr regeln – und verstärkte durch ihre Präsenz die allgemeine Alarmstimmung. Im Laufe des Tages kamen die Praxen der Kinderärzte in der Gegend kaum nach, den Ansturm von „Notfällen“ zu bewältigen. Auch am Montag trauten viele Eltern dem Frieden noch nicht: Von den 25 Klassenkameraden des verstorbenen Jungen erschienen nur zwei zum Unterricht.

Warum das Gesundheitsamt nicht früher klare Anweisungen und Informationen gegeben hat, ist nicht verständlich. Dann hätte die Schulleiterin erfahren, dass nur engste Kontaktpersonen – wie Banknachbarn, Spiel- und Raufgefährten – sicherheitshalber ein Antibiotikum nehmen müssen. Das geht am schnellsten, wenn der Amtsarzt sofort in die Schule kommt – die Kinder in zahlreiche Praxen von darauf nicht vorbereiteten Ärzten ausschwärmen zu lassen, ist wenig sinnvoll.

Der Gatower Ernstfall zeigt, wie wenig wir auf Seuchenausbrüche vorbereitet sind: Gerade die Unsicherheit ist es, die zu grundloser Angst und Panik führt. Dabei sind die extrem unwahrscheinlichen Szenarien von Pockenvirus-Anschlägen, die derzeit das ganze Land in Atem halten, nur die Spitze eines Eisberges: Die Gefahr, dass eine „normale“ Epidemie das Gesundheitssystem überfordert, ist wesentlich größer. An erster Stelle der Angstskala der Experten steht ohne Frage das Grippevirus, das Anfang des letzten Jahrhunderts in einem einzigen Seuchenzug bereits mehr als 20 Millionen Menschen getötet hat. Ein neu auftretender Subtyp des Virus könnte nach vorsichtigen Schätzungen rund 100 000 Todesopfer alleine in Deutschland fordern. Trotzdem ist der seit langem geforderte nationale Grippe-Alarmplan immer noch nicht fertig. Durch die Öffnung der Grenzen nach Osteuropa ist eine zweite Welle der Aids-Infektionen zu befürchten, auch andere Infektionskrankheiten wie Tuberkulose werden zunehmen.

Die Forschung an Krankheitserregern ist deshalb wichtiger als je zuvor. Beispielsweise gibt es ausgerechnet für den bei uns häufigsten Typ „B“ der Meningokokken bislang keinen Impfstoff. Ebenso wichtig wie die Arbeit im Labor ist jedoch die Untersuchung gesellschaftlicher Faktoren wie Verkehr, Wohnverhältnisse und psychologische Folgen von Infektionsausbrüchen. Wenn hier künftig mehr getan wird, hat die ganze Aufregung um biologische Anschläge vielleicht am Ende doch noch ein Gutes gehabt.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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