Stadtbild : Der Fluss und die Stadt

London, Hamburg, Lissabon: Mehr und mehr Metropolen holen ihre Gewässer ins Stadtbild zurück. In Berlin droht das zu scheitern.

Matthias Oloew

Es ist eine griffige Parole, die sie sich einfallen ließen: „Spreeufer für alle!“ Das fordert eine Initiative gegen die Baupläne an der Spree in Berlins Innenstadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Sie hat mit einer Unterschriftensammlung einen Bürgerentscheid durchgesetzt. Am kommenden Sonntag wird abgestimmt.

Doch die Parole ist nicht wörtlich zu verstehen. Denn die, die sie postulieren, wollen, dass an der Spree alles so bleibt, wie’s ist. Und das bedeutet: Das Spreeufer bleibt für viele Menschen tabu. Entweder weil es durch Brachen oder Ruinen verstellt ist, da die überwucherte Uferkante niemanden durchlässt, oder weil die hippen Strandclubs die Ufer für sich reklamiert und damit privatisiert haben. Hier ist willkommen, wer hierherpasst – und wer etwas verzehrt. Die anderen bleiben bitte draußen.

Berlin hat seinen Fluss wiederentdeckt. Das war ein langer Prozess. Seit der Industrialisierung hat die Stadtplanung die Spree sträflich missachtet. Sie wurde zugebaut, vollgemüllt, als Schifffahrtsautobahn benutzt. Das galt für die Ufer in Kreuzberg und Friedrichshain im besonderen Maße. Kilometerlang reihten sich einst Gewerbehöfe und Industrieanlagen aneinander. Wer früher in der Köpenicker Straße wohnte, höchstens 50 Meter von der Spree entfernt, der hat nur die Höfe der Mietskasernen gesehen, Wasser hingegen nie. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung der Stadt hat der Bau der Mauer den Fluss noch hermetischer abgeriegelt – vor allem im Osten, auf Friedrichshainer Seite. Der Fluss und die Stadt, das waren über Jahrzehnte getrennte Welten.

Darin unterschied sich Berlin wenig von anderen Städten. Die Flüsse, ihre Lebensadern, waren über Jahrzehnte nicht mehr als Kloaken, deren eigentlichem Element, dem Wasser, sich der Mensch nicht freiwillig aussetzte. In den 1920er Jahren schloss der Berliner Magistrat die letzten einst so beliebten Flussbadeanstalten, weil er die Gesundheitsgefährdung in dem brackigen Wasser für die badende Bevölkerung nicht mehr tolerieren wollte und konnte. Die Abwendung von den Flüssen und Seen, die einhergeht mit ihrer Verschmutzung, sie brachte den europäischen Metropolen, vor allem dem damals prosperierenden Berlin, ein gesundheitliches und vor allem hygienisches Problem. Wo sollten sich die Massen waschen, die zu Hause kein Bad in der Wohnung, geschweige denn im Haus hatten?

Auch die Hinwendung zum Wasser ist heute ebenso wenig nur ein Trend an der Spree. London hat mit den Docklands versucht, die alten Hafenanlagen im Herzen der City zu urbanisieren. Hamburg hat mit der Hafencity nicht minder ehrgeizige Pläne. Barcelona hat anlässlich der Olympischen Spiele 1992 entdeckt, dass sein Zugang zum Meer nicht nur Frachtschiffen und Terminals gehören sollte. Und Lissabon hat anlässlich der Expo 1998 seine Rückkehr zum Tejo, dem Fluss, dem die Stadt ihre Existenz und ihre Blüte verdankt, geradezu gefeiert: mit kilometerlangen Promenaden, einer neuen City mit Hochhäusern (!) und einem spektakulären Aquarium.

Dabei ist die Diskussion um die Hinwendung zum Wasser in Berlin gar nicht neu. Der revolutionäre Stadtbaurat Martin Wagner wetterte schon in den 1920er Jahren gegen die Besitzer von Wassergrundstücken – private wie industrielle – und warf ihnen vor, die Stadt von ihrem Lebensnerv zu trennen. Für ihn waren die Flüsse und Seen Allgemeingut, das sozialisiert und damit allen gleichermaßen offen stehen sollte. Niemand hatte das Recht, die Ufer für sich zu belegen, alle sollten gleichberechtigt an ihnen flanieren und sich in die kühlenden Fluten werfen können. Wagner, der Visionär, verglich die Stadt mit einem sozialen Großbetrieb, der nicht nur für ansprechende Arbeits- und Wohnverhältnisse, sondern auch für die Erholung seiner Bevölkerung zu sorgen hatte. Berlin sah er als boomende Metropole mit dem Grunewald als Central Park und der Havel als Berliner Binnenalster.

Ganz so revolutionär sind die Pläne an der Spree heute nicht. Von den überbordenden Erwartungen an den Boom nach der Wende hat sich die Stadt verabschiedet. Und verglichen mit dem, was beispielsweise in Hamburg oder London gebaut wird, handelt es sich bei den Plänen in Friedrichshain und Kreuzberg um keine große Sache. An der Elbe klotzen die Hanseaten mit der Elbphilharmonie, in London sollen Hochhäuser gleich dutzendweise entstehen. Aber: Immer in der Nähe des Flusses und immer so, dass die Uferpromenade frei bleibt. Anders als in Berlin ist in London die Themse für jeden frei zugänglich. Abgesehen von einigen Industriebaracken kann man an den Ufern des Flusses auf beiden Seiten entlanglaufen.

Das ist ein Leitbild für Berlin, das zu scheitern droht, wenn alles so bleiben soll, wie es ist. Denn auch das sind die Baupläne: Vorgesehen sind Promenadenwege, geleitet von der Idee eines durchgängigen Ufers von Treptow bis Charlottenburg, von einer Spree, die in wenigen Jahren so sauber sein soll, dass man wieder darin baden kann, ohne krank zu werden. Vorbild sind die Städte in der Schweiz, wo die Menschen in der Mittagspause, statt in die Kantine zu gehen, lieber in die Seen oder Flüsse springen, um neue Energie zu tanken.

Im Regierungsviertel haben der Bund und Berlin in einer gemeinsamen Kraftanstrengung gezeigt, was möglich ist: breite Promenaden zu beiden Seiten des Flusses, hochwertige Grünflächen und viel Platz für Biergärten und einer mehr als beliebten Uferbar vis-à- vis vom Hauptbahnhof. Hier ist für jeden genügend Platz, ist die Parole „Spreeufer für alle“ Wirklichkeit.

Doch so soll es im weiteren Verlauf der Spree, in Kreuzberg und Friedrichshain, nach Meinung der Baugegner bitte nicht werden. Dabei hat dieser Flussabschnitt das Potenzial, der spektakulärste in der ganzen Stadt zu werden. Das fängt an mit dem Postkartenblick von der Elsenbrücke, den Treptower im Hintergrund: vorne die Skulptur Molecule Men, dahinter die wiederaufgebaute Oberbaumbrücke und in der Ferne der Fernsehturm. Hier ist die Spree noch breit, wird flankiert vom alten Osthafen und wird zu einem Fluss in der Stadt, fast durchgängig bebaut und mit festen Uferkanten. An dieser Stelle haben sich die Stadtplaner ein großes Portal vorgestellt – der Treptower auf der einen Flussseite, ein 90 Meter hoher Wohnturm auf der gegenüberliegenden –, sie sollten als ein Tor den Übergang zwischen der Land- zur Stadtspree markieren. Doch den zweiten Turm wollen die Gegner nicht. Und die Bezirkspolitiker, aus Angst, einen Bürgerentscheid mit Argumenten nicht gewinnen zu können, haben vorsorglich diesen Turm geopfert und dies als Entgegenkommen deklariert. Gebaut werden könnte er nur noch, wenn der Bürgerentscheid scheitert.

Spektakulär ist auch der zurückgewonnene Osthafen. Universal und MTV sind in alte Speichergebäude eingezogen, die Ufer sind nicht mehr den Hafenarbeitern vorbehalten, sondern denen, die hier flanieren oder arbeiten oder die einfach nur die Aussicht genießen. Ein besonderer Anziehungspunkt liegt auf der anderen Seite. Nirgends sonst lässt es sich in Berlin so einzigartig planschen wie im Badeschiff vor der Arena. Die EastSide-Gallery, wieder auf der Friedrichshainer Seite, Berlins längstes erhaltenes Stück Mauer, ist ein Anziehungspunkt für Touristen, die versuchen wollen, zu begreifen, wie die Teilung der Stadt einst funktionierte. Die Brache rundherum hat für sie keine Aufenthaltsqualität. Das liegt nicht nur an der vierspurigen Mühlenstraße, auf der sich der Verkehr lärmend Bahn bricht. Sie suchen nach einem Platz für ein Getränk in der Sonne.

Da böten sich ja die Strandbars an, die zum Kern der Baugegner an der Spree gehören. Drei Clubs gibt es in direkter Nähe, alle eher abgeriegelt mit Zaun und Sichtschutz und viel feinem aufgeschütteten Sand unter den Füßen. Hier trinken der Student, der Politstratege aus dem Bundestag, der Werbetexter und die Jungsclique ihre Feierabendbiere oder die kühle Bionade; interessante und nette Bars, keine Frage. Tante Gerda auf ihrem Gehstock und Onkel Heinz mit seinem Rollator müssen hier aber leider am Eingang umdrehen – und das nicht nur, weil ihre gebrechlichen Beine für die Bars nicht ausreichend geländegängig sind. Sie sind hier nicht gewollt. Spreeufer für alle?

Der Slogan findet sich auch bei der nächsten Strandbar, gut hundert Meter weiter. Sie ist, wie die anderen, als Zwischennutzer ans Spreeufer gelangt. Mit der Endlichkeit ihres Daseins wollen sich ihre Macher nicht abfinden. Die Nische ist so schön kuschelig. Doch die Nische ist nicht Ausnahme, sie ist die Regel an diesem Spreeabschnitt. Und der Club, der in seiner jungen Geschichte schon zweimal umziehen musste, hatte sich jedes Mal klaglos ein neues Quartier gesucht. Nur jetzt, da sich so plakativ eine Drohkulisse des bösen internationalen Kapitals aufbauen lässt, soll ein Bürgerentscheid den Status quo zementieren.

Die Angst vor einer sterilen Stadt am Wasser, die nicht in die Umgebung passt, sie nährt sich aus Beispielen in anderen Städten. In den Docklands kam die angestammte Hafenarbeiterklientel, die dort wohnt, mit den Brokern und Analysten nicht klar, die in ihre Nachbarschaft zogen. In Hamburg hat selbst Henning Voscherau, der einst als Erster Bürgermeister das Projekt Hafencity anschob, vor den immer gleichen Glasfassaden gewarnt, die sich nach und nach an der Elbe in den Himmel schoben. Und auch in Barcelona gab es Proteste, als stark verfallene Quartiere den neuen Ramblas am Meer weichen sollten.

Die Angst vor dem Neuen speist sich aus der Sorge um die Verdrängung. Lassen die, die neu kommen, denen genug Luft, die schon da sind? „Es ist ein Kampf um den Raum“, sagt Hartmut Häußermann, Professor für Stadtsoziologie an der Humboldt-Universität, „aber es ist vermessen zu sagen: Das ist mein Platz, den will ich behalten.“ Die Stadt, sagt Häußermann, unterliege fortlaufend Veränderungsprozessen – die Fachleute nennen das Gentrification. Pioniere wie Studenten und Künstler machen ein Viertel interessant, Besserverdienende ziehen nach, der Wert der Immobilien steigt, so dass sich Sanierungen bezahlt machen, und am Schluss kommen die, die nach Meinung der Initiative gegen die Neubaupläne am Spreeufer nicht dorthin gehören: Menschen, die in luxuriösen Lofts statt einer Wagenburg leben.

Die Angst vor dem Neuen spiegelt sich auch in Umfragen, die das Bezirksamt auf der Kreuzberger Uferseite seit Jahren durchführt. Fast nichts lehnen die Bewohner vom Wrangelkiez mehr ab als Touristen – jeder fünfte gab an, dass ihn diese Leute stören. Häußermann vergleicht das mit Kristiania in Kopenhagen. Wir sind autonom und schotten uns ab. Das aber ist an dieser Schnittstelle der Berliner Innenstadt unrealistisch – auch weil das Spreeufer zu attraktiv für die gesamte Bevölkerung ist, als dass man daraus ein Reservat machen könnte.

Dabei zeigen die anderen Städte, dass sie von dieser Veränderung profitieren. Die Docklands gelten heute als großartiger Erfolg, der natürlich in erster Linie dem wirtschaftlichen Potenzial der britischen Hauptstadt geschuldet ist, das Berlin wohl nie erreichen wird. Aber die neue Stadt entlang der Themse ist offen für alle und attraktiv, weil mitten in der City eine moderne Stadt entstanden ist. Auch die Hafencity schickt sich an, ein Anziehungspunkt zu werden. 18 Millionen Touristen sollen kommen, sagen die Prognosen der Hamburger Stadtentwicklungsverwaltung; das klingt indes sehr euphorisch. In Barcelona erfreuen sich heute nicht nur die Touristen an den weitläufigen Promenaden am Mittelmeer. Abends trinkt der Barceloner seinen Cocktail, isst Tapas, während nebenan eine Altherrenrunde sich bei ihren Brettspielen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Die neue Stadt setzt nach und nach Patina an und wächst mit der Altstadt zusammen. Noch sind die Brüche in Barcelona zu sehen, aber die Narben verheilen, das Projekt ist ein Erfolg.

Ausgerechnet diesen Mut zur Veränderung soll Berlin nicht haben? Was ist aus dem jahrzehntealten Wunsch geworden, die Ufer in der Stadt für alle zu öffnen? Mit einer urbanen Struktur und, ja, auch einigen Hochhäusern, die den Kontrast zum Fluss noch verstärken und die Spree damit noch deutlicher dort verorten, wo sie langfließt – durch die Stadt. Und finden sich in dieser von Kriegsbrachen nach wie vor nur so gezeichneten Stadt nicht noch genügend Ecken und Nischen für jeden, auch an der Spree? So dass es am Ende wirklich heißt: Spreeufer für alle.

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