Stadtplanung : Berlins Mitte - Operation am offenen Herzen

Die Mitte der Stadt liegt brach. In Berlin folgt den scharfen Kontroversen über die historische Mitte – hier die Schlossfreunde, da die Attrappen-Kritiker – ein Sommer der Gelassenheit. Leider reden viel zu wenige mit.

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Mit der Architektur ist es wie mit dem Fußball. Alle reden gern mit. Der Städtebewohner ist Nutznießer und Leidtragender, folglich auch Hobby-Baumeister – und die Wahrheit liegt allemal auf dem Platz.

Was, wenn der Platz ein Loch ist, wenn die Mitte der Stadt brachliegt, kriegszerstört oder aus Abrisswut? Im Kölner Loch ist ein Kunstquartier entstanden, in Stuttgart verstehen alle nur noch Bahnhof, und in Berlin folgte den scharfen Kontroversen über die historische Mitte – hier die Schlossfreunde, da die Attrappen-Kritiker – ein Sommer der Gelassenheit. Aber leider reden hier noch viel zu wenige mit.

Leere Orte atmen Freiheit. Auf dem begrünten Schlossplatz tummeln sich die Müßiggänger. Aber eine Wiese im Zentrum der an Wiesen nicht armen Hauptstadt ist keine Lösung. Und wie soll künftig die unwirtliche, von Verkehrsstraßen geprägte Umgebung aussehen, was wollen die Berliner einmal im Herzen ihrer Stadt tun, dort, wo die Archäologen gerade die ältesten Steine von Berlin-Cölln ausbuddeln? Wollen sie Kunst oder Shops, flanieren oder in Townhouses wohnen, will man sich seiner Geschichte vergewissern (Molkenmarkt! Jüdenhof!) oder seiner Lust an der Gegenwart Ausdruck verleihen? Soll diese urbane Mitte – Berlin hat ja mehrere – kulturell geprägt sein, politisch, religiös, touristisch?

Berlins vergessene Mitte
Berlins Mitte war immer schon in Bewegung. Eine neue Ausstellung des Stadtmuseums im Ephraim-Palais dokumentiert die vielfältigen Brüche über einen Zeitraum von mehr als 150 Jahren. Die Ausstellung im Ephraim-Palais ist vom 21. Oktober bis 27. März 2011 zu sehen. Dieses Foto zeigt den Blick vom Turm der Marienkirche auf die Kaiser-Wilhelm-Straße in Richtung Lustgarten um 1920.Weitere Bilder anzeigen
1 von 25© Stadtmuseum Berlin | Foto: Albert Vennemann
24.10.2010 16:13Berlins Mitte war immer schon in Bewegung. Eine neue Ausstellung des Stadtmuseums im Ephraim-Palais dokumentiert die vielfältigen...

Der Abriss des Palasts der Republik, das Humboldt-Forum mit den außereuropäischen Sammlungen im Schloss, Stadtplanung auf Grundlage des historischen Grundrisses, das sind erste Antworten. Aber eine lebhafte Verständigung über diesen zentralen Ort Berlins und vielleicht ja Deutschlands findet nach wie vor nicht statt. Der Mensch braucht Anschauung: Beginnt der Disput über diesen Schauplatz nationaler Identität erst, wenn es wie in Stuttgart fast zu spät ist? Wenn die Grundstücke an Investoren veräußert und Baugruben ausgehoben sind?

Noch interessieren sich vor allem die Freunde historisierender Stadtplanung für die historische Mitte. Das Misstrauen gegenüber der Moderne sitzt tief, es macht all jene kleinlaut, die der wiedervereinigten, europäischen, kosmopolitischen, sich täglich verändernden Stadt eine andere Repräsentation wünschen als ein monarchisches Schloss und kleinteilige Parzellierung drumherum. Zur Zeit wird viel über Integration diskutiert. In Berlins Mitte könnte sich die Vielfalt der Nation selbstbewusst manifestieren.

Mitte im Wandel
Durchblick. Die Häuserreste an der Bernauer Straße dienten der DDR als Vormauer. Die eigentliche Mauer entstand einige Meter dahinter. Thomas Graminsky machte diese Aufnahme in den 80er Jahren. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos aus Berlins Mitte im Wandel der Zeit an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 144Foto: Thomas Graminsky
19.05.2017 13:38Durchblick. Die Häuserreste an der Bernauer Straße dienten der DDR als Vormauer. Die eigentliche Mauer entstand einige Meter...

Nun erinnert eine Ausstellung im Ephraim-Palais daran, wie die Mitte einst aussah. Für jeden ist etwas dabei. Alt-Berlin mit Kopfsteinpflaster, die mondäne Metropole mit Pariser Flair, Zilles Milljöh, die mobile Moderne, die Aufmarschplätze der DDR. Die Steine erzählen nicht die eine, gültige Geschichte. Die Historien überlagern sich. Gassengewirr, großzügige Architektur, Staatsdoktrin, Bürgersinn, Gemütlichkeit, Coolness: Will die Stadt sich auf ihre Geschichte besinnen, dann gehört dieses Durcheinander unbedingt dazu. Noch ein putziges Nikolaiviertel-Disneyland braucht Berlin nicht.

Die Fotografen des 19. Jahrhunderts hat fasziniert, wie sehr Berlins Mitte immer auch Baustelle war. Jede Epoche hat sich hier verwirklichen wollen. Es muss dabei nicht immer so rücksichtslos zugehen, aber es wäre schade, mit dieser Tradition zu brechen. Das Schloss ist beschlossene Sache. Der Streit über die Gestaltung seiner Umgebung lohnt sich umso mehr. Damit die Wahrheit Berlins am Ende auch auf dem Platz ist.

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