Meinung : Stärke auf Bewährung Von Robert von Rimscha

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Parteitage sind Barometer. Sie messen den Zustand von Parteien – und zwar so, wie die Träger von Politik sich selbst sehen. Parteitage sollen zuallererst nach innen wirken, sollen Basis und Führung zusammenschweißen. In diesem Sinne hat der Parteitag der FDP in Dresden funktioniert. Die Liberalen haben sich geschlossener und entschlossener präsentiert als zuletzt in Bremen. Die beiden Führungsfiguren Guido Westerwelle und Wolfgang Gerhardt sind bestärkt worden. Westerwelle hat für sich selbst die Kraft der leiseren und nachdenklicheren Töne entdeckt. Es waren die am heftigsten beklatschten Passagen seiner Rede. Und sie verschufen dem Parteichef ein Stück Formatgewinn. Der Fraktionschef hat bei seinem Appell gegen den Antiamerikanismus die überzeugendste Formel des Parteitags geprägt. In den Folterbildern aus dem Irak sah er ein „Ankratzen der ethischen Überlegenheit der Freiheit".

Dresden war kein Wahl, sondern ein Programm-Parteitag. Mit ihrem Radikalpapier zum Umbau des Gesundheitswesens verfügen die Liberalen nun über Konzepte zu allen reformbedürftigen Sozial- und Wirtschaftsbereichen. Nur kommen in der Öffentlichkeit meist nur knappe Schlagworte an. Das Wahlvolk spürt eben sehr genau, dass Papier geduldig ist, wenn eine Partei die Rolle des Juniorpartners an der Seite der Union anstrebt. Was der Wähler daraus macht? In Thüringen ist es überraschend spannend geworden. Bei der Europawahl hat die FDP reale Chancen auf den Wiedereinzug. Sachsen und Brandenburg sind schwieriges Terrain für die Liberalen. Eines ist heute schon klar: Ein Triumphzug wird der Gang durch das Jahr der Wahlen nicht. Das Signal des Aufbruchs, das von Dresden ausging, könnte durch miese Stimmenergebnisse konterkariert werden.

Und Westerwelle? Die FDP ist nicht gerade bekannt als Partei, die pfleglich mit ihrem Führungspersonal umgeht. Deshalb ist auch ein bestärkter Westerwelle ein Parteichef auf Bewährung. Freiraum hat er sich erstritten. Nun muss er ihn nutzen. Für Siege. Falls die FDP in Thüringen und Europa an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, sind nicht nur die langen Gesichter ganz schnell wieder da. Dann wird aus dem Dresdener Rückenwind geschwind ein heftiger Sturm, der Westerwelle ins Gesicht peitscht.

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