Meinung : Stammzellen-Debatte: Bush zeigt Moral

Der Präsident der Vereinigten Staaten hat die Zerstörung menschlichen Lebens legitimiert. Der mächtigste Politiker der Welt hat mit der Moral des mächtigsten Geistlichen der Welt gebrochen. George W. Bush hat sich gegen den Papst gestellt. Zum ersten Mal in seiner Amtszeit hat der Texaner außerdem die religiöse Rechte in seinem Land verprellt sowie die einflussreiche Lobby der Abtreibungsgegner, mit anderen Worten: jenes potenziell wahlentscheidende Klientel, das mindestens so eng zur Republikanischen Partei gehört wie die Gewerkschaften zu den Demokraten. Das alles gehört zu der Dimension, die die Bedeutung der Stammzellen-Entscheidung ausleuchtet, die Bush, spürbar nervös, in seiner ersten Rede an die Nation bekannt gab. Und das alles erklärt, warum das Thema in den USA jedes andere - ob Nahost oder Hitzewelle - an den Rand drängt.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Den US-Präsidenten ehrt, dass er viele Monate mit sich gerungen hat. Er war mit seinem Votum, im doppelten Wortsinn, nicht leicht fertig. Mitarbeiter berichten von stundenlangen Diskussionen, die Bush über die Stammzellen-Problematik mit Dutzenden von Experten geführt hat. Immer wieder sei der ansonsten sehr konzentrierte Präsident auf dieses Thema zu sprechen gekommen, sogar in Sitzungen, die sich um ganz andere Dinge drehten. Für ihn selbst war das die wichtigste Entscheidung seiner Präsidentschaft. Denn sie erzählt viel über seinen Charakter, seine Überzeugungen, seine Person. Ist er eher "conservative" oder "compassionate"? Ist er lediglich ein strammer Rechtsausleger, der die Moral als taktische Keule benutzt? Oder ist er eher ein Mann, der tiefe, in erster Linie religiöse Überzeugungen hat, der aber sein Ohr für die Hoffnungen der Wissenschaftler ebenso öffnet wie für die Nöte der Menschen um ihn herum?

Mit seinem Beschluss, die Forschung an embryonalen Stammzellen (ES) begrenzt zu fördern, hat Bush erheblich an politischer Statur gewonnen. Weder Dogmatik und Ideologie bestimmen sein Handeln, noch allein die Aussicht auf einen boomenden Biotechnologie-Markt oder auf Nobelpreise für die Forscher seines Landes. Er hat moralisches Augenmaß bewiesen und gleichzeitig jenes Maß an Weitsicht, das im Zeitalter der Genetik und Biomedizin immer dringlicher wird.

Unzufrieden sind natürlich die Vertreter der extremen Positionen in diesem Kulturkampf. Die Wissenschaftler bemängeln, jetzt nur mit angezogener Handbremse aufs Gaspedal treten zu können: Die bereits existierenden Stammzellen-Linien seien genetisch nicht vielfältig genug und befänden sich außerdem im Besitz weniger privater Firmen. Durch ihre Abhängigkeit von den Privatunternehmen seien die öffentlichen Forschungseinrichtungen erpressbar. Das Gros der Mediziner müsste sich in Nischen zurückziehen, in denen ihre Arbeit durch Patente und Rechte nicht behindert wird. Denn für Studien mit neu gewonnen Stammzellen schließt Bush die Förderung mit Steuergeldern aus. Der Chor der Moralisten schwillt ebenfalls an: Sie lehnen jegliche Art der Forschung mit embryonalen Stammzellen ab, einerlei, ob die Embryonen dafür schon getötet wurden oder erst noch getötet werden. Einen Kompromiss, wie ihn Bush für seine Entscheidung reklamiert, kann es für sie nicht geben.

Das letzte Wort in dieser biopolitischen Großdebatte spricht der Kongress. Der wird sich mit der ES-Forschung nach der Sommerpause beschäftigen. Zeit genug für sämtliche Lobbyisten des Landes, weiter Druck auszuüben. Das Thema bleibt den Amerikanern erhalten. In Senat und Repräsentantenhaus zieht freilich ein Argument, auf das Bush in seiner Rede nicht eingegangen war. Da die Stammzellen-Forschung in den USA nicht verboten ist, steht dort der Staat nur vor der Frage, ob er durch Steuergelder Einfluss nehmen oder in der Zuschauerrolle verharren will. Zuschauer aber sind machtlos. Deshalb könnte das Pendel weiter in Richtung der begehrlichen Wissenschaft ausschlagen. Wenn schon fördern, sagen viele Abgeordnete, dann bitte richtig. Bush hat sich entschieden, der Kongress wird ihm folgen. Und weil es sich um die USA handelt, Deutschlands wichtigsten Verbündeten, wird das nicht ohne Auswirkungen auf die hiesige Debatte bleiben können.

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